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Everything is miscellaneous

Exzerpte und Gedankensplitter zu David Weinbergers neuem Buch. Aber zur Vorsicht eine Warnung: Ich halte mich nicht streng an den Text, sondern ergänze ihn mit eigenen Gedanken, ziehe anderes - das ich wo anders gelesen, gehört habe mit ein - und schweife auch manchmal ganz vom Thema ab.

1 - The new order of order

In diesem Kapitel weist Weinberger auf drei Ebenen der Ordnung hin: Einerseits die Ordnung der Dinge selbst, andererseits die Ordnung der physikalischen Repräsentationen (Karteikarten oder anderer Hinweisschilder). Davon gänzlich zu unterscheiden ist jedoch die digitale Ordnung der Bits und Bytes.

Früher: Alles hatte seinen Platz - Unordnung war ineffizient


Stöbern, sich umsehen ("browsing")

Wenn ich mich in einer Buchhandlung umschaue (engl. to "browse"), dann geschieht das meist unsystematisch. Ich gehe die verschiedenen Abteilungen durch bzw. suche mir jene Abteilung aus (Krimis, Sachbücher, wissenschaftliche Bücher und hier vielleicht wiederum Philosophie, Chemie etc.), die mich an diesem Tag am meisten interessiert. Ich nehme dabei die Ordnung der Bücher, wie sie in der betreffenden Buchhandlung herrscht, als gegeben hin.

Es geht mir auch gar nicht in erster Linie darum nach einem Buch systematisch zu suchen, sondern ich möchte mich vom Angebot inspirieren zu lassen, einen Gusto für ein bestimmtes Buch zu bekommen. - Und dabei nebenbei auch so mitbekommen, welche Bücher auf dem Markt gekommen sind, wer was geschrieben hat. Dabei ist – zumindest für mich – die Aufmachung (Einband, Cover) – ebenso wichtig wie der Titel, Autor und Inhalt (in den ich kurz hineinlese). Bei wissenschaftlichen Büchern zu meinem Thema schaue ich neben dem Inhaltsverzeichnis auch noch in das Sach- und Personenregister und vor allem in die Bibliografie. "Sage mir auf wen Du Dich beziehst, wen Du zitierst und ich sage Dir welch "Geisteskind" zu bist, welcher Theorie Du anhängst." [Ehrlich: Auch wenn ich selbst zitiert werde, hat das Buch auch keine größere Chance gekauft zu werden :-) aber – ich gebe es zu – ich schaue meistens nach, in welchen Zusammenhang sich die AutorInnen auf mich beziehen.]

Obwohl ich kein bestimmtes Buch suche, verlange ich trotzdem, dass das Ordnungssystem  transparent, konsistent und nachvollziehbar ist. Es ist immer wieder ärgerlich, wenn ich interessante Bücher rein durch Zufall in einer Abteilung finde, wo ich mich eigentlich sonst gar nicht umgeschaut hätte, z.B. einen philosophischen Klassiker in der Esoterik-Abteilung, oder einen Krimi,  des von mir geliebten österreichischen Krimiautors Wolf Haas (siehe auch Wikipedia) nicht unter Krimis sondern unter "Neuerscheinungen". Zumindest hätte ich mir erwartet, dass dieser Krimi an beiden Orten gleichzeitig zu finden ist: Unter der Krimi-Abteilung und für eine gewisse Zeit gleichzeitig auch  beim Eingang unter den  Neuerscheinungen.

Wir sind es nicht nur gewohnt, sondern halten es für ein Zeichen von Effizienz, wenn alles an "seinen" Platz ist. Wir wollen die Krimis in der Abteilung "Kriminalromane" und die Gabel in der Bestecklade zusammen mit den anderen Gabeln finden. Wir verwenden beträchtlichen Aufwand diese Ordnung immer wieder herzustellen: Neuzugänge von Büchern müssen entsprechend den vorhandenen Abteilungen einsortiert werden, die Gabeln aus dem Geschirrspüler gehören nicht nur in die Bestecklade hinein geworfen, sondern sollten in genau jenes Fach platziert werden, wo sich die anderen Gabeln bereits befinden.

Probleme mit der Ordnung physikalischer Objekte

Das Aufrechterhalten der Ordnung wird durch die schiere Anzahl von Neuzugängen immer schwieriger. Das, was im Normallfall in der eigenen Wohnung oder in einer kleinen Bibliothek noch mach- und schaffbar ist (nämlich die vorgegebene Ordnung aufrecht zu erhalten), wird in großen Mengen immer schwieriger.Die Library of Congress z.B. besitzt 130 Mio. Objekte, darunter 29 Mio. Bücher auf 853 km Regalen. Jeden Tag kommen etwa 6.500 Bücher neu hinzu! Ihnen die zutreffenden 285.000 Stichwörter zuzuordnen ist eine wahre Mammutaufgabe.


Jetzt: Die digitale Welt braucht kein Ordnungssystem

Das systematische Suchen findet bei mir in den letzten Jahren völlig ohne irgendwelche BibliothekarInnen oder BuchhänderlerInnen statt. Hier ist das Internet in der Zwischenzeit einfach unschlagbar geworden. Dabei ist es mir völlig egal unter welcher Rubrik das betreffende Buch abgelegt wurde: ich gebe einfach den Titel in Google oder Amazon ein und sehe mir dann die Ergebnisliste an.

Ich würde mich sogar über eine (hierarchische) Kategorisierung sehr ärgern. Abgesehen davon, dass ich mich durch die Hierarchie durchklicken muss (Wissenschaftliche Bücher, Englische, Sozialwissenschaften, Autor nach Name), könnte ich ja irgendwo die richtige Abzweigung verpassen: Vielleicht ist das gesuchte Buch nicht unter Sozialwissenschaften sondern unter Wirtschaftswissenschaften eingeordnet?

To get as good at browsing as we are at finding – and to take full advantage of the digital opportunity – we have to get rid of the idea that there's a best way of organizing the world (p.10)

Das Interessante an der digitalen (Un)Ordnung aber ist, dass ich über Amazon weit mehr und viel öfters einen "Gusto" auf andere - verwandte – Bücher bekomme, als dies in einer Buchhandlung der Fall ist. Amazon bietet mir immer eine ganze Reihe von Bücher nach dem Motto an: "Kunden, die das Buch X gekauft haben, haben auch das Buch Y gekauft." - Und tatsächlich: ich werde da sehr häufig auf Bücher hingewiesen, die ich nicht ausdrücklich gesucht habe, die ich aber - manchmal mehr oder dringender sogar als das ursprünglich gesuchte Buch – brauchen kann.

Die 3 Ebenen der Ordnung

  1. Auf der ersten Ordnungsebene ordnen wir die Dinge selbst. Das ist die Ebene der Bücher und Regale sowie der Gabeln und Besteckladen.
  2. Die zweite Ebene der Ordnung ist ein eigenes (Code-)System, das von ExpertInnen eingerichtet und gewartet wird, um auf engeren (oder virtuellen) Raum mit mehr Überblick auf die "wirklichen" Dinge zu verweisen. Das ist die Welt der Beschriftungen, Karteikarten und Kataloge. Diese zweite Ebene ist die Welt der Metadaten (Informationen über Informationen), die auf die Welt der 1. Ordnungsebene referenziert.
  3. Die dritte Ebene ist die Welt der Bits & Bytes, eine Welt, die die Begrenzungen der beiden anderen Welten überwindet. Sowohl die 1. Ordnungsebene als auch die 2. Ordnungsebene besteht aus Atomen, die physikalischen Objekte bilden, die Platz (Raum) brauchen und über die Zeit sich auflösen (vergilben, zerfallen etc.).

Weinberger zeigt in seinem Buch auf, dass die Welt der Metadaten in einem Zeitalter, wo sowohl der Content (die Information aus der 1.Ebene) als auch die Meta-Information auf der 2. Ebene digitalisiert wird, obsolet wird. Wir bauen eine künstliche Zwischen-Ebene auf, die weder von ihrer Struktur noch von ihrer Vollständigkeit, die erste Ordnungsebene geeignet repräsentierten kann. Es scheint so zu sein, dass wir uns über die Bedeutung und (zukünftigen) Rolle von Metadaten ganz grundsätzlich Gedanken machen müssen.




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