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18.07.2010
Den Faden wieder aufnehmenManagen und forschen: Ein Versuch der KonfliktlösungSolange wie diesmal habe ich wohl noch nie Pause von meinem Weblog gemacht: 4 1/2 Monate! Allerdings gab es 9 Berichte von Aktivitäten auf der Einstiegsseite (= der Nachrichtenseite), die ich – entgegen früherer Gewohnheiten – zum Teil auch mit kritischen Inhalten und Reflexionen versah. Trotzdem: 16 Wochen ohne Weblogeintrag, das gab es bisher noch nie! Wie schon bei früheren Unterbrechungen signalisiert auch diese Pause einen Umbruch, eine Neuorientierung in meiner Arbeit. Und wie es schon die außerordentliche Länge der Zeit signalisiert, einen Umbruch größeren Kalibers. Management und Forschung – zwei unterschiedliche Karrieren
Nach einer recht langen, 3 Jahre dauernden, aber erfolgreichen Aufbauarbeit als Leiter des Department für Interaktive Medien und Bildungstechnologien (IMB), die mich überwiegend in der Rolle eines Wissenschaftsmanager forderte, glaube ich nunmehr (Herbst/WInter 2009) die Zeit gekommen, mich wieder verstärkt den Inhalten, meiner eigenen Forschungstätigkeit widmen zu können. Eine Illusion wie sich recht bald herausstellte:
Diese schleichende Verschiebung zu vermehrten Tätigkeiten im Management ist mir jedoch erst im März/April durch körperliche Warnsignale (Burnout-Symptome) deutlich geworden. Die doppelte Belastung, die einerseits in einer verstärkten wissenschaftlichen Anstrengung an meinem Buchprojekt ("E-Learning Szenarien: Ein Plädoyer für didaktische Vielfalt") als auch in vermehrter Gremienarbeit bestand, konnte ich nicht mehr ignorieren oder weg stecken. Eine radikale Neuorientierung und damit einhergehende Verringerung der Arbeitsbelastung von meiner damaligen 70-90 Stundenpensum pro Woche war dringend notwendig geworden! Entscheidung zugunsten des Managements
Meine letztliche Entscheidung war mit einer Zeit der Trauer verbunden: Ich habe nicht nur radikal externe Termine eingeschränkt, sondern auch mein Buchprojekt für dieses Jahr – und wahrscheinlich auch für die nächsten Jahre – aufgegeben. Obwohl mir das Arbeiten am Buch wahnsinnig viel Spass gemacht hat und ich es auch als "verdienten" Ausgleich für meine – oft nicht besonders geliebten – Managementtätigkeiten angesehen habe, wurde dadurch ein extremer psychologischer aber auch körperlicher Druck (Schlafentzug) aufgebaut. Nach meiner Entscheidung – die auch mit einer Restrukturierung meiner Terminplanung gekoppelt war – fühlte ich eine unglaubliche seelische Erleichterung und konnte – nachdem ich meine Traurigkeit überwunden hatte – wieder die ohnehin karge Freizeit genießen. Heute bin ich mir bewusst, dass ich in meiner eigenen inhaltlichen Forschungsarbeit "kleinere Brötchen backen muss" und dass die Managementaufgaben nicht nur sehr zeitaufwändig sind sondern auch ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und Wertigkeiten haben. Meine frühere Einstellung war dadurch gekennzeichnet, dass ich das Managen als eine störende Aufgabe ansah, die möglichst schnell zu erledigen war, damit ich mich endlich den "eigentlichen" Aufgaben (der Forschung) widmen kann. Die Folge davon war ein unheimlicher doppelter Druck: Die Managementaufgaben möglichst schnell und komprimiert zu erledigen, damit ich die (wenige) "gewonnene" Zeit für Forschung verwenden könne. Weil aber Forschungsergebnisse sich nicht alleine in Arbeitsstunden messen lassen, war auch die Forschungszeit selbst einem enormen Druck ausgesetzt (schnell und effektiv lesen, jede freie Minute nutzen etc.). Regeln in der Terminplanung
Ich habe ja schon mehrmals "gute" Vorsätze zur Terminplanung gefasst, die sich jedoch alle wieder in relativ kurzer Zeit in Luft aufgelöst haben. Diesmal aber bin ich durch die Einführung einiger strikter Regelungen extrem positiv gestimmt und habe den Eindruck, dass es diesmal klappen könnte:
Diese Regelungen bei der Terminplanung haben natürlich dazu geführt, dass es einerseits schwieriger geworden ist, bei mir einen Termin zu bekommen und andererseits die Tage Dienstag bis Donnerstag zu eng geplanten und effizient durchgeführten Terminmarathons mutiert sind. Dass ich nun nicht jederzeit zur Verfügung stehe und Wartelisten bzw. Termine auf Wochen manchmal sogar auf Monate geplant werden müssen, hat mir anfangs psychologische Probleme in meiner inneren "Kundenorientierung" gemacht: Ich wollte nie einer der kaum ansprechbaren, selten erreichbaren ProfessorInnen sein, wie ich sie aus meiner Studienzeit kannte. Aber in der Zwischenzeit denke ich nicht nur egoistisch daran, dass es meine Gesundheit ist, die hier strapaziert wird, sondern gehe ich auch davon aus, dass meine MitarbeiterInnen, Studierenden, KollegInnen etc. meistens etwas von mir wollen (und nicht ich von Ihnen) und selbst nicht meinen Termindruck haben und sich daher nach meiner verfügbaren Zeit richten müssen und auch können. Forschung: Nicht aufgeben, aber die Ansprüche reduzierenUm Missverständnisse zu vermeiden: Meine Entscheidung für die explizite Wahrnehmung von Managementaufgaben, d.h. Managementtätigkeiten nicht bloß als notwendiges Übel anzusehen, das rasch beseitigt (erledigt) werden muss, heißt nicht automatisch, dass ich meine Forschungsaktivitäten ganz einstellen möchte/werde. Ich werde weiterhin einige Artikel/Beiträge pro Jahr alleine oder mit MitarbeiterInnen schreiben. Ich habe jedoch Großprojekte, wie die von mir geplanten theoretischen (philosophisch inspirierten) beiden Bücher zur didaktischen Modellierung von E-Learning Szenarien vorerst auf Eis gelegt und nach hinten (wahrscheinlich in die Pension?!) geschoben. Das Ziel weiterhin an diesen Büchern zu arbeiten, die meine fast 20 Jahre anhaltenden Forschungsbemühungen auf der Basis meiner Habilitationsschrift "Der Hintergrund des Wissens" weiterführen sollen, bleibt bestehen. Das Festhalten an diesem Ziel mit der gleichzeitigen weit nach hinten stattfindenden Verschiebung hat unmittelbare Auswirkungen auf meine laufende Aktivitäten: Ich nehme einerseits nur mehr dann Einladungen zu Artikel an, wenn die Thematik zu meiner langfristigen Perspektive passt bzw. plane andererseits meine eigenen Beiträge für Konferenzen bereits auf das große Ziel meiner zukünftigen Buchpublikationen hin. Auch diese Art der Entscheidung ist nicht neu und habe ich nicht das erste Mal getroffen. Trotzdem bin ich bisher recht häufig "weich" geworden und habe Einladungen zu Beiträge für Sammelbände angenommen, auch wenn die Thematik nicht zu meinen langfristig ausgerichteten eher philosophisch orientierten Überlegungen und Literaturstudium passte. Heute hoffe ich hier nun ebenfalls erfolgreich meine Vorsätze umsetzen zu können. – Gerade auch durch meine Entscheidung mich nun ernsthafter dem Management zu widmen und den weiteren Auf- und Ausbau meiner Forscherkarriere damit vorerst "auf Eis zu legen" hoffe ich, fällt auch der Druck Einladungen wahrzunehmen, die nicht ganz in meinem langfristigen Plan passen. Ob ich mit all diesen neuen Ideen und Vorsätze Erfolg haben, wird sich jedoch erst in etwa einem Jahr zeigen. Die bisherigen Erfolge sind zu kurzfristig, sodass leider noch keine Garantie für eine gewisse Nachhaltigkeit besteht. Trotzdem: Ich bin optimistisch, wie nie zuvor!
19.07.2010
Musteransatz – neu überdachtIn den letzten 14 Tagen hat es in meinem geistigen "Framework" zum Musteransatz eine gewaltige Neuorientierung gegeben. Meine Hauptkritik an den bisherigen Mustern im pädagogischen Bereich war es, dass sie keine Innovation transportieren, sondern trivial sind. (Vgl. dazu meinen Beitrag "Kritik der didaktischen Entwurfsmuster" vom März 2009.) Nun aber bin ich der Auffassung, dass die Innovation nicht in der Lösung des Musters selbst liegt. Im Gegenteil: Es werden gerade bekannte Lösungen ("Best Practice" Beispiele) herangezogen und im Musterformat beschrieben. Die eigentliche Innovation besteht vielmehr in der Analyse der Bedingungen (Forces & Liabilities), wie sie das Patternformat vorsieht. Die Pattern-Beschreibung ist das Endprodukt einer Analyse von Wechselwirkungen und expliziert sogenanntes "Tacit Knowledge" (implizites Wissen), wie es sich in den durch Erfahrung gewonnen Best Practice Beispielen herauskristallisiert hat. Die eigentliche Innovation ist die Beschreibung der Kräfte & einschränkenden Bedingungen. Doch langsam und der Reihe nach: Zwei inspirierende Workshops
Die Auslöser für meine neue inhaltliche Sichtweise zum Musteransatz waren zwei Workshops:
Musteransatz als eine Schablone für eine differenzierte Problemanalyse
Die nachfolgende Beschreibungen sind erst rudimentäre Gedanken, die meine Sichtweise andeuten aber noch nicht voll inhaltlich argumentieren. Dazu sind mir die intrinsischen Implikationen des Muster-Ansatz – wie ich ihn jetzt verstehe – noch nicht genügend klar. Auf der EuroPLoP gab es eine Einführung in "Pattern Writing". Dabei wurde klargelegt, dass ein Muster aus 4 Teilen besteht, die miteinander in einer Wechselbeziehung stehen (siehe Grafik). Die Kräfte oder Widersprüche charakterisieren das Problem in detaillierter Form und Weise. Daraus lassen sich dann Konsequenzen ziehen. Begonnen wird die Analyse jedoch mit einer verfügbaren Lösung; das Pferd wird also von hinten aufgezäumt. Danach kann schon kurz auf die Konsequenzen eingegangen werden; hauptsächlich aber geht es darum das Problem für die betreffende "Best Practice" genau zu beschreiben. Das schließt auch eine erste Formulierung des Kontexts mit ein. Erst danach gibt es ein Wissen bzw. Verständnis zu den wirkenden Kräften bzw. Widersprüchen, für die die Lösung bereits häufig eingesetzt wird. Immer wieder gilt es dabei den "dazwischen liegenden" Kontext zu spezifizieren. Pattern Experten berichten, dass es sich um einen iterativen Prozess handelt, bei dem vor allem tradiertes Wissen ("Tacit Knowledge") expliziert und weitergegeben wird. Die Schwierigkeiten bestehen in der Zuordnung der einzelnen Bedingungen zu den 5 Begriffen: Dasselbe Problem kann unterschiedliche Lösungen haben, meistens aber ist es eine eigene, angepasst Lösung, die durch unterschiedliche Kräfte charakterisiert wird. Unterschiedliche Lösungen haben ganz unterschiedliche Konsequenzen. Ein Muster ist also nicht als Idealbild oder Vorbild zu verstehen, sondern es ist immer nur in Bezug zu einem Problem zu verstehen. Auf der Erscheinungsebene ist es eine generative Vorgangsweise für eine spezifische Problemlösung, auf der analytischen Ebene ist es jedoch die detaillierte Analyse und Beschreibung einer bereits bekannten Lösung für ein immer wiederkehrendes Problem innerhalb eines genau spezifizierten Kontexts. So wie das Muster rückwärts entwickelt wird (die Nummer in der Grafik signalisieren den Weg der Analyse), so ist das Muster auch differenziert zu lesen. Die Sequenz der schriftlichen Präsentation Context -> Problem -> Forces -> Solution -> Conseuences ist nicht die Reihenfolge, wie das Muster reinterpretiert wird. Hier ist die Reihenfolge Problem -> Solution -> Forces - Consequences; immer wieder mit einem reflektierenden Blick zum Context. Es ist also nicht die Lösung, die ein Muster innovativ macht, sondern die Analyse des Problems, seiner Kräfte und Konsequenzen sowie die Beschreibung des Kontexts, der vorhanden sein muss. Meine bisherige Kritik, dass viele Entwurfsmuster trivial sind, hat sich vor allem auf die "Neuheit" der Lösung bezogen. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall: Ein Muster ist umso besser, je besser die triviale Lösung und das in ihr verstecktes implizite Wissen in den Forces und Consequences beschrieben wird. Mit Bezug auf das "implizite Wissen" lässt sich bezüglich der Lösung sogar sagen: Je trivialer und banaler, desto wertvoller ist das Muster für seine Weitergabe und Anwendung!
21.07.2010
Werkstatt der SchreiberlingeEin Erfahrungsbericht über die beste Konferenz, die ich je besucht habeVom 7.-11. Juli habe ich gemeinsam mit Reinhard Bauer an der EuroPLoP 2010 (European Conference on Pattern Languages of Programs) teilgenommen. Es war die 15. Europäische Konferenz, die – ganz im Gegensatz zu anderen Tagungen – nicht in einer jeweils anderen großen Stadt mit angeschlossenen Seminarhotel stattfand, sondern jedes Jahr in dem kleinen abgeschotteten und herrlichen Barockanlage des Kloster Irsee abgehalten wurde. Es war für mich die interessanteste, interaktivste und inhaltreichste Konferenz, die ich bisher erlebt habe. Und ich habe immerhin schon über 30 Jahre Konferenzerfahrung! Was folgt ist ein subjektiver Bericht meiner persönlichen Eindrücke. Ganz bewusst gehe ich auf die Theorie, die hinter dem speziellen Konferenzdesign steht, nicht ein. Das liegt nicht nur daran, dass ich die betreffende Literatur noch nicht gelesen habe, sondern dass ich möglichst frisch und authentisch von meinen Erlebnissen berichten möchte. Vorbereitung der KonferenzSchon die Einreichung und der damit zusammenhängende Review-Prozess war außergewöhnlich: Statt eine (begründete) Annahme bzw. Ablehnung des eigenen Beitrags zu bekommen wurde uns ein "shepherd" (Schafhirte) zugewiesen, der uns "sheep" (Schafe) – also Reinhard Bauer und mir – half, über einen Zeitraum von 3 Monaten, unseren Beitrag zu verbessern! Das hat mich als Neuling bei einer Pattern-Konferenz noch nicht sonderlich erstaunt: Wir wussten über unseren "Shephard" Christian Kohls, den wir schon von früher kannten und der uns überhaupt erst auf diese Tagung hingewiesen hatte, dass die Pattern-Konferenzen etwas anders gestrickt sind. Da wir noch nie auf einer solchen Tagung waren, hatten wir auch noch nicht im Schreiben von Mustern einschlägige Erfahrungen gesammelt und fanden es daher natürlich, dass wir eine Hilfe beigestellt bekamen. Erst später erfuhr ich, dass Shepherding eine ganz normale Prozedur darstellt. Alle TeilnehmerInnen durchlaufen es; es gibt sogar eine eigene Mustersprache "The Language of Shepherding:
A Pattern Language for Shepherds and Sheep" ( Im muss hier ehrlich gestehen, dass ich aus zeitlichen Gründen das Shepherding nur am Rande mitbekommen habe und die E-Mail Diskussion Reinhard überlassen habe. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt mehr oder minder das Frameset "Just another conference", auch wenn es hier kleine Besonderheiten gab. Meine Ignoranz schlug sich unter anderem auch darin nieder, dass ich die Beiträge der Mitglieder unserer Gruppe, zu der wir zugeteilt wurden, vor der Konferenz nicht eingehend gelesen bzw. studiert hatte und auch sonst keine Zeit fand mich mit den näheren Umständen der Konferenz anzufreunden. Alles in allem fuhr ich nach Irsee im üblichen "Konferenzmood", wenn ich auch ein wenig irritiert war, dass es keinen fixen Termin für unseren Vortrag bzw. unsere Präsentation gab. Auch der Hinweis von Christian, dass es auf den Pattern-Konferenzen auch Gruppenspiele gäbe, ließ mich nicht in Erwartungsfreude jubeln, sondern verstärkte die ohnehin bei mir schon vorhandene Skepsis. Start der KonferenzEtwas widerwillig ließ ich mich auf das ganze Procedere ein. 4-Tage Konferenz, soviel Zeit hatte ich mir schon lange nicht für eine Tagung reserviert! Prophylaktisch nahm ich mir daher nicht nur den Laptop sondern auch Unterlagen zum Arbeiten mit, damit ich die vielen Leerläufe, die bei den üblichen Konferenzen üblich sind, produktiv überwinden kann. (Wie sich später herausstellte, waren dies leere Kilometer. Es gab nicht eine einzige Minute der Langeweile. Im Gegenteil: Mir wurde die Zeit zu knapp…) Meine erste Überraschung war, dass es weder auf dem Parkplatz noch bei der Registrierung das übliche Gedränge von Großkonferenzen gab. Erst bei der Ankunft erfuhr ich, dass bloß 47 Personen erwartet werden. Wiederum später wurde mir erklärt, dass diese relativ geringe Anzahl von TeilnehmerInnen zum Konzept der Tagung gehört, dass das Kloster gar nicht für viel mehr als etwa 80 Personen Platz hat. Statt Namebadges und Konferenzmappen gab es Leibchen in medium und large zur Auswahl mit der für mich unverständlichen Aufschrift: One two three - Group Sneeze. Auf der Rückseite hatte die T-Shirts variierende, aber ebenso unverständliche, Begriffe aufgedruckt: hashi, hoshi oder hishi. Was es mit dieser Beschriftung auf sich hat, wurde mir erst später klar. Die nächste Überraschung kam beim Einführungsworkshop für Newcomer. Etwa 20 Leute fanden sich in einem riesigen Saal ein; wir waren also nicht die Einzigen, die zum ersten Mal an einem Patter-Workshop teilnahmen. (Später stellte sich heraus, dass 3 TeilnehmerInnen ohne Unterbrechung an allen bisherigen 14 Konferenzen teilgenommen hatten.) Etwas irritierend für mich war, dass der große Raum völlig leer war. Es gab weder eine Leinwand, Beamer, noch Tische und Stühle, beziehungsweise waren alle Stühle am Wandrand aufeinander gestapelt. - Und so blieb es auch während der gesamten Konferenz! In der Einführung erfuhren wir, dass es bei der EuroPLoP vor allem um "networking, not delivering a paper" geht. "Patten writers are here to get feedback from their peers". Dazu gibt es verschiedene Formate, neben der Focus Group und der Open Space Group ist das Hauptelement der Writers’ Workshop
Ich gehe jetzt ab von der chronologischen Darstellung und beschreibe das für mich wesentliche Element, den Writers’s Workshop. Es gibt dafür eine ausführliche schriftliche Unterlage: Einerseits das leider vergriffene Buch: Gabriel, Richard P. 2002. Writers' Workshops & the Work of Making Things: Patterns, Poetry... Addison Wesley; andererseits direkt von Gabriels Website dreamsongs.com das Buch als PDF (
Argumente zu wiederholen war nicht erlaubt. Wenn jemand derselben Meinung war, dann drückte er/sie das durch den Ruf "Gosh!" aus. Es war legitim "Gosh to everything" zu sagen und das Wort weiter zu geben. Neben dem Writer’s Workshop gab es noch andere Formate, die ich aber einerseits wegen meines Nachholbedarfs beim Lesen der Beiträge und andererseits wegen der Überlastung durch die vielen neuen Eindrücke teilweise schwänzte. Hierarchiefreier Raum und Klima der Wertschätzung
Diese trockene Auflistung der Prozedur kann nicht die Gefühle vermitteln, die mit diesem für mich neuem Konferenzformat verbunden sind. Es ist durch diese Vorgangsweise ein Klima der gegenseitigen Wertschätzung entstanden. Nicht nur weil alle TeilnehmerInnen (TN) abwechselnd AutorInnen und Diskutierende waren, gab es keine Hierarchie der Personen oder Beiträge. In allen Gruppensitzungen ging es sehr informell und kameradschaftlich zu. Auf die "Neuen" wurde immer wieder Rücksicht genommen und es gab viele Sessions, die nur dazu dienten, die Erfahrung aus früheren Pattern-Workshops den neuen TeilnehmerInnen mitzuteilen. Auch das geschah nicht durch Vorträge, sondern durch Vorspielen, durch Aufgabenstellungen und Kleingruppenarbeit etc. Es gab auch zu den täglichen gemeinsamen Abschlussrunden keine Kurzreferate, was denn in den einzelnen Gruppen passiert war. Statt dessen wurden drei Kreise gebildet: der innerste Kreis wurde durch am Boden sitzende TN gebildet, dahinter gab es einen Kreis mit aufgestellten Stühlen und der äußerste Kreis wurde durch stehende TN gebildet. Ein symbolisiertes Mikrofon (eine mit Luft aufgeblasene Attrappe) wurde herumgereicht. Nur wer dieses "Mikrofon" in der Hand hatte durfte sprechen. Nach einigen Wortmeldungen wurde auf ein Signal die Position gewechselt: Die am Boden Sitzenden standen auf, die Stehenden setzten sich auf die Stühle, die Personen auf den Stühlen setzten sich in den innersten Kreis auf dem Boden. Es wurde immer nur kurz erwähnt und nicht inhaltlich zusammengefasst bzw. referiert was in den parallelen Workshop-Gruppen geschehen war. Die Idee: Zu wissen wer welches Thema behandelt um bei Interesse mit der entsprechenden Person direkt Kontakt aufnehmen zu können. Wenn jemand während der Konferenz eine Ankündigung zu machen hatte, konnte er/sie durch folgende Prozedur (Mikrofon gab es ja keines!) Aufmerksamkeit verschaffen. Er oder sie zählte "One, two, three". Worauf alle Personen, die in der Nähe standen und dies hörten, den Text, der auf ihrem T-Shirt stand riefen. In meinem Fall also "Hashi!". Dieser "Gruppennieser" von einigen Personen führte augenblicklich dazu, dass sich die Aufmerksamkeit aller auf die Lärmverursacher richtete und damit die notwendige Stille für eine Ankündigung eintrat. In der gesamten Konferenz ging es nie darum, sich selbst oder seinen Artikel in Relation zu den anderen TN zu positionieren. Nach der Konferenz kann bis zur Online-Veröffentlichung für weitere 6 Monate an den Beiträgen gearbeitet werden. Weil es nicht um Konkurrenz und Positionierung sondern um gegenseitige Hilfe geht, gab es konsequenterweisedaher auch keinen Best Paper Award, sondern geehrt wurde:
Interessant war es auch für mich zu erleben, dass
Spiele
Zuerst einmal muss ich gestehen, dass ich mit Spiele in Seminaren bisher meist keine gute Erfahrung gemacht habe. Es waren oft gezwungene Momente, die an der Grenze der Peinlichkeit sich abspielten und statt Entspannung eher zur Verkrampfung beigetragen haben. Unter KollegInnen bezeichnen wir die Hardcore VertreterInnen dieser Schule, die solche Seminare organsierten, abwertend als "Hand-Auflege-PädagogInnen". Die Spiele auf der EuroPloP waren jedoch ganz anderer Natur. Ich kann nicht erklären, was anders war. Sicherlich war ein Teil des Erfolgs dem professionellen Künstler (George Alexander Platts), der sie organisierte, verschuldet. Die Spiele fügten sich perfekt in das Konferenzdesign und unterstützten die kreative Stimmung. Sie sorgten dafür, dass die Gruppe ständig in Bewegung war und sich ganz natürlich viele Gelegenheiten zum Netzwerken bzw. gegenseitigen Kennenlernen ergaben. George hatte hier nicht nur unheimlich gute Ideen, sondern auch eine sehr gutes soziales Gespür für Grenzüberschreitungen oder andere auftauchende Probleme. Um ein Flair von der Art der Spiele zu geben, ein Beispiel: Der Raum wurde als Landkarte der Welt vorgestellt, mit den Himmelsrichtungen Norden, Süden, Osten und Westen. An der einen Längsseite in der Mitte war z.b. der Nordpol, an der anderen der Südpol. Alle TeilnehmerInnen sollten nun den Ort ihrer Geburt, danach den ihres derzeitigen Lebensmittelpunkts, ihres Traumurlaubs etc. aufsuchen. Die "richtige" Positionierung konnte nur vorgenommen werden indem Personen in der räumlichen Nähe gefragt wurden, wo denn sie auf dieser imaginären Landkarte stünden: "Wo arbeitest Du? In München? Ok, dann muss ich mich mit Krems weiter nach links unten stellen!". Ganz abgesehen davon, dass es in Mitteleuropa ein Gedränge gab erfuhren wir ganz nebenbei wer in welchen Weltteil arbeitet, geboren ist etc. Interessanterweise fanden sich zum "Traumurlaub" die meisten TeilnehmerInnen in Neuseeland ein RahmenbedingungenWenn man mehr als 30 Jahre Konferenzerfahrung hat und selbst für verschiedene Tagungsformate verantwortlich ist, sich dazu auch noch als pädagogisch-didaktisch versierte Fachperson versteht, dann ist solch ein Erfahrung, wie es die EuroPLoP 2010 für mich war, wie ein mittleres Erdbeben. Sie erschüttert das eigene professionelle Selbstverständnis. Wie oft haben wir im GMW-Vorstand versucht die GMW-Jahrestagung stärker interaktiv und interessanter zu gestalten? Und wie wenig ist uns dies tatsächlich gelungen! Zusammenfassend gibt es wohl als Kontext einige Bedingungen ohne die eine solche Konferenz wie die EuroPLoP nicht durchgeführt werden kann. Rahmenbedingungen, die bei anderen Konferenzen nicht gegeben sind und warum daher Veranstaltungen wie die GMW-Jahrestagung nicht einfach auf das EuroPLoP Format "transferiert" werden können:
22.07.2010
Nachtrag zum Mustertheorie WorkshopIch habe noch vergessen auf einige Dateien zu verlinken, die mit den Workshop zur Mustertheorie zusammenhängen. Was folgt sind einige Links zu Dateien und Dokumenten:
Ergänzend zu meiner Beschreibung des Konferenzformats der EuroPLoP hat mich Wolfgang Jütte auf das PechaKucha Präsentierformat hingewiesen.
StolzMeine Frau hat soeben ihre Dissertation "Internet Communication and Practices of Scientists in the Academic World. An Intercultural Approach" vom Binden zurück bekommen und signiert gerade die "Eidesstattliche Erklärung".
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Lieber Peter,
ich gebe dir einerseits Recht: Management und Forschung (vielleicht sollte man als Drittes noch die Lehre hinzufügen) sind wohl in gewisser Weise zwei (bzw. drei) unterschiedliche Schwerpunkte mit entsprechend unterschieldlichen "Karrieren" in der Wissenschaft. Andererseits denke ich, dass das, was du jetzt an deiner Situation relativ extrem zeigst (besondere Position der DUK, deines Departments etc.), auch ein genereller Trend ist, an dem viele Hochschullehrer sich gerade die Zähne ausbeißen: Man soll ALLES leisten, alles bitte "exzellent" und dann auch noch so, dass es sich gut nach außen "verkaufen" lässt. Daraus folgt, dass man irgendwie versuchen muss, diese Dinge entweder besser miteinander zu verzahnen (aber zu welchem Preis?), oder - wie du das jetzt planst - bewusst ! Akzente zu setzen. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass so etwas mittelfristig hochschulpolitisch ausgenutzt wird und man dann auf der einen Seite die impact-starken Forscher päppelt, auf der andere Seite die gewinnorientierten Manager in den Himmel lobt und (an letzter Stelle) die Lehr- und Prüfungsknechte zum Abbau doppelter Abiturjahrgänge und anderer Folgen kurzsichtiger Reformen eben so am Leben erhält.
Aber eins ist klar: Aus einer individuellen Perspektive aus betrachtet ist das wohl das einzig Richtige, was du jetzt entschieden hast (nebenbei bemerkt: ich habe in Uni-Büros noch nie sinnvoll arbeiten können und befinde mich dort schon immer nur für Gespräche, Lehre, Prüfungen, Koordnation etc.). Wer mag schon (wenn er denn nicht zwingend muss) in Büros sein Leben verbringen und wer kann da kreative Ideen hervorbringen? ;-) Ich nicht! Produktivität ist sicher nicht vom ArbeitsORT abhängig, sondern von mentaler Präsenz und guten Teams!
Ich wünsche dir jedenfalls, dass du viele deiner Vorsätze ganz lang - und damit bis zur "Pension" - umsetzen kannst! :-)
Gabi