LatourEine Ebene höherHier finden Sie alle Beiträge zum Projekt "Gemeinsam Latour lesen" (GLL). Sie beziehen sich auf das Einführungsbuch von Bruno Latour: "Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft - Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie." (Suhrkamp, 2007) bzw. der englischen Version "Reassembling the Social - An Introduction to Actor-Network-Theory." (Oxford, 2005). Weiteres Material finden Sie unter dem Ordner "Goodies/ANT - Gemeinsam Latour lesen (GLL)".
11.10.2009
Was ist ANT?Es gibt zu ANT eine ganze Menge von verschiedenen Definitionen. Eine recht brauchbare Zusammenfassung findet sich auf Learning-Theories.com. Eine Sammlung verschiedener Sichtweisen gibt es hier. Trotzdem möchte ich in diesem Beitrag – quasi als Start zur gemeinsamen Lesereise – auch noch meine eigene Perspektive hinzufügen: Was mir an ANT so gut gefälltIn ANT wir das Soziale nicht bloß als eine Black Box aufgefasst, ein Erklärungsprinzip, das immer dann herangezogen wird, wenn andere Erklärungsversuche versagen bzw. nicht zielführend sind. Das Soziale ist eben ontologisch gesehen kein Stoff, das ursächlich für Erklärungsmodelle als Ursache herangezogen werden kann. Vielmehr ist zu hinterfragen, wie sich die sozialen Verhältnisse in bestimmten Tatsachen abbilden, sich "Gehör" verschaffen, zum Durchbruch kommen. So genügt es beispielsweise nicht wie Durkheim "bloß" aufzuzeigen, dass der Selbstmord
eine "soziale Tatsache" ist. Selbstmordraten sind zwar von Land zu Land
verschieden aber über die Jahre in den jeweiligen Ländern erstaunlich
stabil. (Das "bloß" habe ich natürlich unter Anführungszeichen gesetzt,
weil es damals eine enorme kreative Leistung von Durkheim war, die
höchste individuelle Entscheidung und Tat eines Selbstmordes als ein
gesellschaftliches Faktum, d.h. gesellschaftlich bedingt zu
begreifen!). Die soziale Tatsache ist sozusagen nur eine Abkürzung, die genommen werden kann, wenn vorher ganz genau und im Detail untersucht worden ist, wie sich die einzelnen Handlungen der Akteure miteinander verschränken und ein soziales Netzwerk bilden, das bestimmte Gesetzmäßigkeiten folgt bzw. bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Die interessante Frage lautet also nicht, dass Selbstmord Ausdruck sozialer Verhältnisses ist, sondern wie sich die soziale Verhältnisse unter anderem in eine relative konstante Selbstmordrate niederschlagen (oder wie Latour oft sagt: "versammeln" (assemblieren). Die Verdinglichung des SozialenNun sind nach Latour aber nicht nur Menschen Akteure sondern auch Dinge und/oder Technologien. Weil das komisch klingt schlägt die Actors-Network-Theory den Begriff des nicht anthropomorphen, d.h. auf Menschen eingeschränkten Aktanten vor: Dass Aktanten tatsächlich nicht-menschliche Akteure sind, zeigt sich in den verwendeten Verformen, z.b. Eine Kochtopf "kocht" Wasser, ein Thermometer "zeigt" die Temperatur an, etc. Aufgabe der Soziologie ist es nun, dieses Netzwerk der ineinander verschränkten und kommunizierenden Aktanten zu untersuchen, damit das "Soziale" verständlich wird. Das soziale Faktum steht also nicht am Beginn der Erklärungskette, sondern an deren Ende. ANT ist die fleißige Ameise (Methode/Zugang), die sich langsam aber unermüdlich ihren Weg bahnt, die in einer Sichtweise von unten – bzw. auf gleicher Ebene, d.h. ohne Perspektivenverzerrung, sich die Welt (Realität) erarbeitet. ANT ist sozusagen die Einstein'sche Erweiterung der Newtonschen Mechanik. Wie die Newtonschen Gesetze nur bei geringen Geschwindigkeiten annäherungsweise korrekt sind, so ist die "normale" Soziologie bei relativ stabilen bzw. bereits durchleuchteten Sachverhalten sozusagen als abkürzende Schreibweise korrekt. So wie wir bei großen Geschwindigkeiten die Relativitätstheorie von Einstein benutzen müssen, so brauchen wir bei rasch wechselnden Situationen, bei neuartigen Forschungsfragen, wo sich Menschen und Technologie miteinander verschränken und deren Grenzen ineinander fließen den ANT-Zugang. Deshalb ist ANT nicht nur für die Science and Technology Studies (STS) – woraus sich ANT entwickelt hat – so wichtig, sondern auch als Werkzeug für die Erforschung von Bildungstechnologien von besonderem Interesse.
18.10.2009
GLL-00: ZeitplanDie Stationen der Lesereise
Alle Texte aus dem Projekt Gemeinsam Latour lesen (GLL).
GLL-00: Wie können Sie mitmachen?Erste Überlegungen zur Organisation der virtuellen Lesekreis "Gemeinsam Latour lesen"Ich verwende bewusst häufig den Begriff der Lesereise statt z.B. virtueller Lesezirkel oder virtueller Lesearbeitskreis. Wie bei einer Reise geht es beim Projekt "Gemeinsam Latour lesen" nicht darum ein Ziel zu erreichen (z.B. den Latour-Text besser zu verstehen), sondern auch die Reise selbst ist bereits Gegenstand der Reflexion: Wie ist solch ein virtueller Lesezirkel gut zu organisieren? Wie kann hohe Interaktivität sicher gestellt werden? Einige Tipps zum MitmachenNachfolgend einige erste Überlegungen zur Kooperation, zum gemeinsamen Gedankenaustausch:
Ich werde versuchen jede Woche zumindest einen inhaltlichen Beitrag zu einem der Latour-Kapitel zu schreiben. Auch das ist ein Experiment; ich weiß noch nicht, ob ich das wirklich schaffen werde. Genauso wichtig, wie die inhaltliche Diskussion ist mir aber auch die Metadiskussion. Da bin ich aber sehr auf Ihre Unterstützung angewiesen. Sehen Sie meinen Versuch jede Woche zumindest einen inhaltlichen Beitrag zu schreiben, als eine Art Versprechen für einen Austausch-Beziehung: Ich habe das Projekt initiiert und versuche es am Leben zu halten, sie kommentieren, schreiben selbst eigene Beiträge und beteiligen sich aber auch an der Organisation der Diskussion.
GLL-01: 1. Woche: Einleitung (9-49)Aller Anfang ist schwer: Die komplexe Einleitung verständlich zusammenfassenIch will nicht viel herum reden: Die Einleitung ist ein Hammer. Sie ist extrem schwer zu verstehen. Es gibt viele – an dieser Stelle im Buch noch dunkle und daher unverständliche – Andeutungen, Vorgriffe auf das, was noch alles kommt. Die Einleitung ist aber nicht nur eine Vorschau, sondern gleichzeitig eine Zusammenfassung der Hauptthesen, zusätzlich noch unterlegt mit einem Rückblick, der ebenso wie die Vorschau für Neulinge recht wenig aussagt und eher verwirrend, denn erklärend ist. Im Nachfolgendem versuche ich daher als Einstieg den Hauptgedanken
der Einleitung – und damit des Buches – vorerst in ganz groben
Pinselstrichen nach zu zeichnen. Ich werde später, wenn wir im Text
weiter fortgeschritten sind, wieder auf die dann hoffentlich besser
verständlichen Anmerkungen in der Einleitung zurückkehren. Das Soziale neu definiertEs geht Bruno Latour darum, den Begriff des Sozialen neu zu definieren. Dabei geht er auf seine ursprüngliche etymologische Bedeutung zurück, der Assoziation, Verbindung oder Verknüpfung. [Im Deutschen ist der Begriff der Assoziation leider ein wenig irreführend, weil damit meistens eine konkrete Verknüpfung gemeint ist, die gedankliche Assoziation. Im englischen Text funktioniert daher das Wortspiel mit Soziologie und Assoziologie weit besser (siehe die Definitionen zu sozial, Assoziation und Association im Anhang zu diesem Beitrag).] Sein Vorschlag ist extrem und radikal. Gegenüber der traditionellen Soziologie, die er "Soziologie des Sozialen" propagiert er eine neue Art von Soziologie, eine "Soziologie der Assoziationen". Das Soziale Nr.1Die traditionellen Soziologie, sieht das Soziale als eine eigene Sphäre an, Nach dieser Sichtweise (das Soziale Nr. 1) funktioniert dieser eigene Bereich anders, unterliegt anderen Gesetzen, ist – fast wie eine materielle Eigenschaft eines Stoffe wie z.B. hölzern, eisern – allgegenwärtig und wirkt quasi aus dem Hintergrund, hinter den Rücken der Akteure heraus auf die Dinge, Objekte dieser Welt. Das Soziale Nr.2Die andere Definition des Sozialen (das Soziale Nr. 2) hingegen ist nichts Zusätzliches, bildet keine eigene Sphäre, die durch irgendwelche geheimen Kräfte zusammen gehalten wird, sondern wird durch die Verknüpfung von Elementen, von nicht-sozialen Dingen hervorgebracht bzw. in Bewegung gehalten.Das Soziale wird nur sichtbar in den Spuren (traces), die es hinterlässt; nämlich immer dann, wenn neue Verbindungen (Assoziationen) entstehen. Das Soziale Nr.2 ist also keine eigene Sphäre, sondern ein "Verknüpfungstyp zwischen Dingen, die selbst nicht soziale sind" (17) Radikale Konsequenzen für SozialwissenschaftlerInnenWenn man – so wie ich – auf das Sozialen Nr.1 ausgebildet, ja aufgewachsen ist, dann ist es wahrlich nicht einfach, sich auf die andere Sichtweise umzustellen. Dieser Satz ist ein nettes Understatement Nun aber – unter der Perspektive des Sozialen Nr. 2 – erfährt die Aufgabe des Soziologen einen radikalen Wandel: Statt das Vorgefundene mit sozialen Kräften, Gesetzmäßigkeiten in einer statischen Art und Weise zu erklären, geht es vielmehr darum, den dynamischen Prozess des Versammelns, der Bildung sozialer Verknüpfungen nach zu zeichnen. Statt also als Soziologe außen vor zu stehen, weil wir angeblich nur dann einen ungetrübten und objektiven Blick auf die sozialen Kräfte werfen können, müssen wir uns auf die Sachen, ihren Bewegungen, Verbindungen und Verknüpfungen einlassen. Statt die Bewegungen durch eine frühzeitige Erklärung "einzufangen" bzw. "einzufrieren", müssen wir vielmehr sie verfolgen und zu vollen Entfaltung bringen helfen. Obwohl ich in der Tradition des Sozialen Nr.1 aufgewachsen bin, so ist mir in einem Punkt diese Vorgangsweise schon immer suspekt gewesen: Oftmals hatten die Soziologen von der zu untersuchenden Sache recht wenig inhaltliche Ahnung. Mich hat schon immer z.B. gestört, wenn Technik-Soziologen über soziale Folgen der Computertechnologie geschrieben haben aber selbst wenig Ahnung und oft kaum praktische Erfahrung mit dieser Technologie hatten. Oder wenn Mediensoziologen über Medien schreiben ohne ein technisches Verständnis von der inhärenten Logik der Medien zu haben. (Vieles des hier Gesagten trifft übrigens auch auf die Pädagogik zu). Eine Folge dieser Kritik an der allgemeinen Soziologie, die bloß auf einer sehr abstrakten Metaebene verweilte, oft langweilig und mit wenig konkreten Kenntnisse arbeitete, waren die Bindestrich-Soziologien: Arbeits-, Bevölkerungs-, Bildungs-, Technik-, Wissenschaftsoziologie um nur jene zu nennen, mit denen ich mich selbst beschäftigt habe. Wenn auch diese Bindestrich-WissenschaftlerInnen den Bezug zum inhaltlichen Feld im allgemeinen hatten, so wurde darin doch eine Zersplitterung und Fragmentierung des Zugangs deutlich. Außerdem wurde weiterhin das Soziale Nr. 1 als Erklärungsmodell gesehen, auch wenn es nun auf unterschiedliche Bereiche – detaillierter und spezifischer – angewendet, bzw. als Rahmen "darüber gelegt" wurde. Den Akteuren folgen und Abkürzungen vermeiden
Das Soziale Nr. 1 nimmt mehrere unzulässige Abkürzungen und Vereinfachungen vor:
Gerade auch wegen dieser mühevollen, langsamen, kontinuierlichen, fleißigen Arbeitsweise hat Latour sich nun entschieden ANT (= Ameise im Englischen) als Namen seiner neuen Soziologie beizubehalten. Die Akteur-Netzwerk-Theorie geht davon aus,
Neue Fragen der sozialwissenchaftlichen ForschungUnter diesen Prämissen ergeben sich gänzlich neue Fragen für die wissenschaftliche Forschung. Statt zu fragen, welche soziale Aspekte ein Phänomen erklärbar machen, muss umgekehrt erklärt werden, wie das soziale Phänomen entstanden ist, wie sich die menschlichen und nicht-menschlichen Akteure sich versammelt haben. Im Buch will Latour vor allem 3 neuen Fragen nachgehen (vgl. S.36):
Warum so kompliziert?Es stellt sich natürlich die Frage ob die Einleitung wirklich so kompliziert und relativ unverständlich formuliert sein muss. Abgesehen davon, dass es eine neue noch junge Sichtweise ist, die mit einer anderen, langjährig dominanten Perspektive konkurrenziert, gibt es noch andere Gründe für diese etwas schwierige Einführung, die in der Einführung zum 1. Teil deutlich gemacht werden: Wie in der Physik mit der Heissenbergschen Unschärferelation gibt es auch eine inhärente logische Beschränkung der ANT: Latour, der das Verhältnis von alter "Soziologie des Sozialen" und neuer "Soziologie der Assoziationen" gerne mit der Beziehung der klassischen Physik (Newton) zur relativistischen Physik (Einstein) vergleicht, sieht gleich 5 Unbestimmtheiten (Unschärferelationen) in der ANT (S.42f.). Es ist also der Sache verschuldet, der in der ANT innewohnenden Logik verschuldet, dass die Sache zu Beginn etwas rätselhaft und kryptisch wird. Es muss jedoch vor jedem weiteren (erklärenden) Schritt zuerst alle 5 Unsicherheiten berücksichtigt werden. Wie das geht, das werden wir in den nächsten 5 Wochen (jede Woche wird einer Unbestimmtheit gewidment) genauer untersuchen.
Größe:
1 kB
-
File type
text/plain
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Soziales Nr.1 |
Soziales Nr.2 |
| Konzepte der Analytiker haben größere Bedeutung |
Konzepte der Akteure haben größere Bedeutung |
| Kommentare sind wichtiger |
Zitate, Originaldokumente sind wichtiger |
| Mit Definitionen, Verkündungen beginnen |
Nicht mir Definitionen und Verkündungen beginnen sondern die Definitionen und Verkündungen der Akteure nachzeichnen |
| SozialwissenschaftlerInnen sind in einer anderen Sphäre, haben einen unvoreingenommen (Über-)Blick |
SozialwissenschaftlerInnen sind Akteure im Gruppenbildungsprozesse wie alle anderen, können keinen unvoreingenommenen Blick entwickeln |
| Gruppen sind stabile Objekte und können (von außen) gezeigt werden |
Gruppen sind Momente der Bewegung und können nur sich selbst darstellen |
| Ordnung, Stabilität, Zusammenhalt ist die Regel |
Bewegung, Veränderung, Instabilität ist die Regel |
| Irgendwo muss die Forschung beginnen, warum dann nicht mit einer Definition (von Gesellschaft)? |
Definieren wir nicht selbst das zu Untersuchende, sondern lassen es die Akteure definieren, zeichnen wir nur nach was die Akteure tun/definieren etc. |
| So wie Gruppen gibt es auch die Gesellschaft a priori |
So wie Gruppen muss auch Gesellschaft immer wieder durch subtible Veränderungen nicht-sozialer Ressourcen entworfen werden |
| Es gilt ein Schlüsselvokabular zu entwickeln, das die Sprache der Akteure in die Sprache der Analytiker transformiert |
Es gibt kein drittes Vokabular, keine Verrechnungsstelle, die die Handlungen unter der Perspektive der Analytiker erklärt |
| Es gibt soziale Kräfte, die als Klebstoff für stabile Gesellschaftsordnungen wirken |
Es gibt kein Reservoir an Bindungen, keine sozialen Kräfte, die im Hintergrund ständig wirken |
| Die Gesellschaft ist wie ein zu restaurierendes Gebäude: Es ist schon immer vorhanden und muss nur ständig erneuert werden. |
Die Gesellschaft ist wie eine Bewegung, wie z.B. ein Tanz, wird die Bewegung nicht mehr fortgeführt, gibt es sie nicht mehr. . |
| Es gibt eine Trägheit, die Soziales (weiter) bestehen lässt. |
Nur in der ständigen Bewegung gibt es Soziales. |
| Es gibt nur einen Typ sozialer Aggregate, der je nach der entsprechenden Theorie bevorzugt wird – mit vielen Zwischengliedern aber wenigen Mediatoren |
Es gibt keine bevorzugten Typ sozialer Aggregate (Individuen, Klassen, Schichten, etc.), die zudem noch durch viele Mediatoren verändert werden |
| Soziologie sollte so exakt wie eine Naturwissenschaft sein |
Soziologie sollte nicht die Naturwissenschaften imitieren und vor allem – wie etwa die Anthropologie die Vielfalt entwickeln |
Ich versuche, den 6-Minuten-Film der WHO als Ameise zu sehen. Als Kontrast zunächst die herkömmliche Sichtweise:
Sociologists of the Social betrachten das Alarmnetzwerk als eine soziale Leistung von Menschen, die der WHO angehören. Die sozialen Kräfte ermöglichen es, dass sich Menschen in die Dienste der WHO stellen, um die Probleme der Gesellschaft zu lösen. Die WHO ist eine Organisation, zu der Menschen verschiedenster Länder gehören. Das Alarmnetzwerk ist ein soziales Netzwerk, das durch technische Errungenschaften, den Informations- und Kommunikationstechnologien unterstützt wird. Es ist streng zu trennen zwischen der Natur (den Erregern, die die Krankheiten auslösen), der Wissenschaft (die die Geheimnisse der Erreger aufdeckt), der Gesellschaft (die die Probleme der Globalisierung ausbaden muss), der Wirtschaft (die sich freut, dass es wieder neue Arzneimittel zu verkaufen gibt) und der Politik.
Für Ameisen gibt es „das“ Alarmnetzwerk nicht, es gibt nur zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Ensembles, die irgendwie mit dem Thema „Epidemien“ zu tun haben und die unterschiedliche Größe und Zusammensetzung aufweisen können. Diese Ensembles bestehen nur solange, wie sie miteinander in Beziehung stehen und setzen sich nicht nur aus Menschen, sondern auch aus Nicht-Menschen (Tiere, Pflanzen, unbelebte Materie) zusammen. Zu diesen sog. „Akteuren“ zählen z.B. der Informationsfilm, Kommunikationstechnologien, Versammlungsräume, Mikrofone, Kleidung (z.B. Mundschutz), Laboreinrichtungen, Bücher über Infektionskrankheiten und natürlich die Erreger (Bakterien, Viren, Protozoen, „Würmer) und die Überträger (Stechmücken).
Es gibt Akteure, die dafür sorgen, dass bestimmte Ensembles immer wieder hergestellt werden. Akteure sind auch durch Kommunikationstechnologien miteinander verbunden. Hier stellt sich die Frage, ob die Technologien Intermediäre oder Mediatoren darstellen. Ginge man nach McLuhan, so sind es Mediatoren: The Medium ist the massage“.
Soweit die ersten Überlegungen.
Mir gefallen Ihre ersten Überlegungen sehr gut. Ich weiß: das ist eine sehr allgemeine und nicht besonders brauchbare Rückmeldung. Aber ich kann im Augenblick nicht mehr sagen. Ich muss (a) noch mehr darüber nachdenken und (b) noch stärker die Konsequenzen für die Forschungsmethode überlegen.
Ich möchte gerne versuchen das Beispiel des Alarmnetzwerks in den kommenden Kapitel weiter auszubauen. Ich bin insbesondere neugierig darauf, was sich aus Ihren Überlegungen für die 5. Quelle der Unbestimmtheit (Verfassen riskanter Berichte) ableiten lässt.
NB.: Überhaupt halte ich die hinteren Teile, insbesondere den II.Teil des Latour-Buches ("Wie kann man Assoziationen wieder nachzeichenbar machen?") für die praktische Umsetzung besonders wichtig, muss aber zugeben, dass ich beim ersten Mal lesen nicht alles verstanden habe. – Eine zweite gemeinsame und detaillierte Lesung kann hier vielleicht Abhilfe schaffen. Das heißt aber: Geduld haben! Das gilt auch für ein substantielleres Feedback von mir.
... spätestens nach der ersten Unschärfe habe ich versucht, einen S c h l ü s s e l zum Verständnis des Textes zu finden (man geht ja mit dieser Art Texte unweigerlich schwanger, das ist eine anstrengende Unruhe). Hängen geblieben bin ich auf S. 63, da steht: "Für Soziologen des Sozialen (S1/V.) ist Ordnung die Regel, während Wandel, Verfall oder Schöpfung die Ausnahme bilden. Für Soziologen der Assoziation (S2/V.) ist die Regel Performanz, und das zu Erklärende, die erstaunlichen Ausnahmen, besteht in jeglicher Art von Stabilität über einen längeren Zeitraum hinweg und in einem größeren Maßstab. ALS WÄREN IN BEIDEN DENKRICHTUNGEN HINTERGRUND UND VORDERGRUND VERTAUSCHT." Letzteres finde ich zentral, für das Verständnis von Labour. Mir fällt auf, das viele Beispiele nach einem "i n v e r s e n Prinzip" (Tausch Hintergrund /Vordergrund) aufgebaut sind, an das man sich erst gewöhnen muss. Das sieht man gut weiter oben in Peter Synopse oder am Gegenstand dieses Kapitels, Gruppe vs. Gruppenbildung.
In diesem Zusammenhang viel mir auch der Satz auf (der oben schon zitiert ist): "Sobald man aufhört Gruppen zu BILDEN und UMZUBILDEN, gibt es keine Gruppen mehr." (S.63) Oder plakativer: Der Tanz existiert nicht mehr wenn man aufhört zu tanzen. Lezteres finde ich sehr interessant, weil es in zugespitzter Form vielleicht auf folgendes hinausläuft: SEIN (der Tanz, die Gruppe etc. ) ist WERDEN (tanzen, bilden, umbilden). Es hat den Anschein, dass Latours Interesse primär den innovatorischen Brüchen und den Diskontinuität gilt und erst sekundar (als Hintergrundfolie) den Kontinuitäten und Traditionen.
Soweit meine Anker, Frank
In diesem Kapitel de- und rekonstruiert Latour den sozialwissenschaftlichen Handlungsbegriff. Wie im vorigen Kapitel (Gruppenbildung = 1. Quelle der Unbestimmtheit, vgl. GLL-02) fordert ANT, dass keine voreilige Zuweisungen von WissenschaftlerInnen vorgenommen werden dürfen. Auch bei der Untersuchung der Handlungsträger und deren Handlungen muss das breite Spektrum der Kontroversen aus der Sicht der Akteure voll zur Entfaltung gebracht werden. SozialwissenschaftlerInnen und Akteure sind einander in ihrer Interpretationen, Theoriebildungen ebenbürtig wenn sie fragen: Wer handelt? Warum handelt wer? Was bringt und dazu das Gleiche zur gleichen Zeit zu tun? Warum knüpfen unsere Handlungen an die Handlungen anderer an? Wie entsteht die "soziale Welt" und woraus besteht sie?
Eine der zentralen Fragen – wenn nicht sogar die zentrale Frage – der Soziologie Nr.1 (ich verwende in Zukunft die von Frank Vohle eingeführte Abkürzung S1) ist es das Zusammenspiel der vielen Akteure zu erklären. Wie ist es möglich, dass freie Individuen aufeinander Bezug nehmen, dass jede individuelle Handlung Teil eines Netzwerks von Handlungen ist, dass aus der Mikroebene der Handlungen Gruppierungen wie Organisationen, Institutionen, Gesellschaft entstehen?
Es ist für S1 die umgekehrte Fragestellung wie in der ersten Quelle der Unbestimmtheit, sozusagen die Kehrseite der Medaille: Dort hat es geheißen "Welchen der sozialen Aggregate ist der Vorzug zu geben?" (vgl. S.51) und jetzt heißt es: "Welche soziale Kräfte determinieren die Handlungen der Akteure?" (z.B. S.77f.). Wiederum wird genau das, was in seiner Entstehung, kontroversen Bildung und Entwicklung untersucht werden soll, von S1 bereits vorausgesetzt (Gruppe bzw. soziale Kräfte).
Handeln ist ein Knoten, eine Schlinge, ein Konglomerat aus vielen überraschenden Handlungsquellen, die man eine nach der anderen zu entwirren lernen muss. (77)
Latour aktiviert die Metapher des Akteurs in Theater bzw. Kino. Er will damit verdeutlichen, dass es nicht auf de einzelne Schauspieler ankommt (vgl. Erving Goffman: Wie alle spielen Theater.), sondern auf das ganze Ensemble inklusive Bühnenbilder, Beleuchtung, Kameraführung etc.
Genauso wie die Ethnomethodologie (bzw. anthropologische Feldstudien) gehen ANT-ForscherInnen davon aus, dass sie den Akteuren genau zuhören müssen und sich von interpretativen Rahmen, Deutungen und Zuschreibungen, die ja bloß aus der Kultur bzw. der Metaebene des Wissenschaftlers stammen, hüten müssen. Statt eigene "Theorien" über die Akteure zu stülpen sind die Akteure ernst zu nehmen, statt eigenes Vokabular (Metasprache) zu verwenden, muss das Vokabular der Akteure als Ausgangspunkt beibehalten werden.
Aufzeichnen, nicht herausfiltern, beschreiben, nicht disziplinieren – sie sind die ehernen gesetze unseres Fachs. (97)
Wie bei der Gruppenbildung gibt es wieder 4 Elemente um diese Kontroversen nachzeichnen zu können.
Ich habe diesen Abschnitt absichtlich nicht "Handeln wird aufgehoben" getauft, um den von der etwas dunklen Hegel'schen Ausdrucksweise stammenden Begriff "Aufhebung" zu vermeiden. Für mich drückt sich darin die nach meinem Gefühl für die ANT nicht ganz richtige Vorstellung einer Spiralbewegung aus, wo auf einer "höheren Ebene" etwas Neues entsteht, dabei aber das Alte – in anderer Form – weiter wirkt bzw. beibehalten wird. Zum Unterschied davon finde ich den Neologismus "dis-lokal" für das Verständnis von ANT geeigneter und auch insgesamt aussagekräftiger. Keine Spiralbewegung oder dialektischer Widerspruch sondern eine Zerstreuung, eine Art von Auflösung im Raum scheint mir die richtigere Analogie zu sein und auch mit dem schon mehrmals strapazierten Vergleich mit der Physik (vgl. Quantentheorie) besser zusammen zu passen.
Vergleiche für diese Analogie die interessante Diskussion der Newsgroup de.sci.physik: Auf die Frage, was denn nun ein "Teilchen" sei, ob ein Quant auch stofflich zu verstehen sei oder nur eine Wirkung verursacht heißt es ungefähr in der Mitte des Diskussionsstranges (nach "dislokal" suchen):
Die Interferenz dieses Photons muß durch eine (dislokal wirksame) Wellenfunktion beschrieben werden, und sobald es wieder lokalisierbar ist, "kollabiert" diese wieder. Quanten scheinen es als erste Wahl "vorzuziehen", dislokal zu interferieren und erst dann wenn das wegen lokaler Definitheit nicht möglich ist lokal zu "kollabieren".
Der Neologismus "Dis-lokal" ist also bloß in den Sozialwissenschaften ein bisher nicht allgemein verwendete Begrifflichkeit. Er wurde von Cooren 2001 in The Organizing Property of Communication eingeführt um den (scheinbaren?) Widerspruch zwischen Mikro- versus Makroanalysen begrifflich "aufzuheben" - um bei der Hegel'schen Terminologie zu bleiben. Die Idee dahinter ist folgende Beobachtung:
SoziologInnen, die sich vor allem mit der Mikroebene beschäftigen (z.B: Ethnomethodologie, Phänomenologische Soziologie, Symbolischer Interaktionismus), fokussieren auf das "Hier und Jetzt" ("here and now"), also auf kleinräumige, lokale, aktuelle, situationale Interaktionsfolgen bzw. Handlungstheorien. MakrosoziologInnen (z.B. Systemtheorie, Strukturalismus bzw. Post-Strukturalismus) hingegen fokussieren auf das "Dort und Damals" ("there and then"), also auf großräumige, globale, allgemeine, strukturelle Interaktionsfolgen bzw. Handlungstheorien. Können bzw. sollen diese beiden unterschiedlichen Zugänge harmonisiert werden? Wenn ja - wie?
Die ANT-Wort ist ja! In Anlehnung an die Ethnomethodologie werden alltagspraktische Handlungen, also aktuelle, kleinräumige Situationen (Mikrosoziologie) untersucht. Dieser "Bottom-Up Ansatz" wird dann jedoch durch die Einbeziehung der Rolle nicht-humanen Akteure zeitlos und disloziert. Ein Beispiel von Cooren & Fairhurst soll dies verdeutlichen:
3 Tage lang wurde der Generalmanager eines 60-stöckigen Hochhauses mit einer Videokamera begleitet. Ziel der Feldarbeit war es ein besseres Verständnis von seinen alltäglichen Routinetätigkeiten zu gewinnen. Während dieses Beobachtungszeitraums zeigte sich, dass bestimmte Vorschriften (z.B. eine Anschlagtafel beim Eingang) und Geräte (wie z.B. die TV-Überwachungskamera), die nach 9/11 eingeführt worden waren, eine wichtige Handlungsrolle übernommen haben:
Im Rahmen der Mikrosoziologie können die Beobachtungen der Verhaltensweise von Gästen (Außensicht durch "objektive" Beobachtung) nun folgendermaßen als sinnstiftende Handlungen (Innensicht durch Akteure) interpretiert werden:
Es fällt auf, dass alle angeführten Aktionen intentionale Handlungsfolgen eines menschlichen Akteurs sind ("Ich"). Zum Unterschied davon bezieht die ANT nun auch nicht-menschliche Akteure (wie die Anschlagtafel und die Überwachungskamera) in die Analyse ein. Es heißt dann:
Es fällt auf, dass in dieser (kürzeren) Beschreibung Verben/Tätigkeitswörter verwendet worden sind (hinweisen, registrieren), dh. dass auch nicht-humane Akteure handeln können, d.h. eine Veränderung bewirken können. Wäre die Anschlagtafel nicht dort wo sie ist und hätte sie nicht diesen Text, den sie hat, dann würden die Handlungsfolgen von Gästen ganz anders verlaufen. Weiters fällt auf, dass sich die nicht-menschlichen Akteure jeweils auf Menschen beziehen, d.h. es wird eine Subjet-Objekt Relation eingenommen (Anschlagtafel bzw. Anlage – Besucher), womit diese Beschreibungnicht nur kürzer sondern auch vollständiger ist.
Was ist aber nun der inhaltliche Vorteil dieser "ANTeren" Beschreibungsmethodik?
How can we describe and analyze the details of interactions while showing that they literally contribute to the constitution of an organization? While this issue is hardly new, it is our hope that our answer will prove to be original. We undertake this analysis using a concrete situation to illustrate how “scaling up” occurs through actions that first appear to be locally performed. To do so, we will introduce concepts that have been developed by Bruno Latour (1986; 1994; 1996; 1999) to depict and analyze how non-human entities tend to not only dislocate interactions, but also stabilize them. This bottom-up perspective will then enable us to show that interactions are never completely local. Instead, they are what we call, using a neologism, “dis-local,” that is, their local achievement always mobilizes a variety of entities—documents, rules, protocols, architectural elements, machines, technological devices—that dislocate, i.e., “put out of place” (Webster’s Dictionary) what initially appeared to be “in place,” i.e., local. Our analyses will show that the “here and now” is always contaminated by the “there and then” (whether in the past or future). However, and this is the main point of our argument, this “there and then” was or will be another “here and now.” We never leave the level of events and actions even as these events become linked to one another through space and time. Paraphrasing Latour (1993) while giving it a Derridian flavor, we could say that the immanent (micro) is always already transcendent (macro).
(Abstract aus: Local? Global? No, Dislocal: How to Scale Up From Interactions to Organization, eine Vorversion des Beitrages Cooren François & Gail T. Fairhurst: "Dislocation and Stabilisation: How to Scale Up From Interactions to Organization" in Putnam, Linda, und Anne Nicotera. 2008. Building Theories of Organization: Centering Organizational Communication. 1. Aufl. Routledge. S.117-152.)
Wiedermal ein schweres Kapitel, mein Buchrand säumt sich reichlich mit bunten Fähnchen. Man könnte unterstellen, dass ich für jede Farbe eine bestimmte Zuordnung habe, rot für Widersprüche, grün für Zustimmung, gelb für offene Fragen etc. Ein Beobachter könnte folgern, dass ich ordnungsliebend bin. Dem ist nicht so (nicht in dieser expliziten Form), ich greife wahrlos in die Farben und bringe "nur eine Markierung" in den Text, als ob es meine letzte Chance wäre "irgendeinen" Anker zu setzen, ehe mir der Text wieder entgleitet.
Das ist eine Selbstbeobachtung mit der ich Latours Hinweis illustrieren möchte, dass wir (Beobachter) nicht mit Metasprachen, vorgefertigten Annahmen und Konzepten dem Sozialen nachspüren sollen, sondern dass es um einen (unscharfen) Interpretationsakt der Innensichten der Akteure geht. Das wäre aber nur die halbe Wahrheit (und damit falsch), denn Latour geht es ganz wesentlich darum, dass Handeln eine "dislokale" (S. 82) Natur hat. Hinweise wie "Handeln ist nicht transparent, es steht nicht unter der vollen Kontrolle des Bewußsein (S. 77) oder das es "Unbestimmtheiten darüber gibt wer oder was handelt, wenn WIR handeln" (S. 80) oder wenn schließlich Handeln als "verlagert, verschoben, buntscheckig, multiple (S. 105) gekennzeichnet wird, dann erinnert das sehr an die Theorie der verteilten Kognition von E. Hutchins. Leider weisst Latour erst gegen Ende des Kapitels in der Fußnote 30 auf die Verbindung zur Situierten Bewegung (Lave, Hutchins, Suchman) hin. Auch bei Giddens wird man hier ja fündig http://de.wikipedia.org/wiki/Anthony_Giddens. Mit seinen "berühmten" Beispiel aus dem Flugzeugcockpit hatte Hutchins auf die verteilten Bedingungen für das Handeln (im Cockpit selbst und in der Ferne die Towers) und die Verteilung der Wissensformen neben Personen auch über technische Artefakte hinweg aufmerksam gemacht. Dieser "Situierungs"-Wink - etwas früher gebracht - hätte mir beim Lesen des Textes etwas geholfen. Nun gut, das konnte Latour nicht wissen :-).
Soweit meine Gedanken heute Abend, Frank
Ah, Du kennst Dich aus mit verteiltem Handeln, verteilter Kognition! Willst Du die Beispiele nicht mal genauer ausführen, damit wir alle davon profitieren können?
Ich gebe nämlich – verschämt, aber doch öffentlich – zu:
(a) dass ich bisher Hutchins "Cognition in the Wild" noch nicht gelesen habe. Steht seit Jahren an vorderster Front im Buchregal. Lege ich mir jetzt auf das Nachtkästchen...
(b) dass ich das "berühmte" Beispiel von Giddens nicht kenne. Überhaupt habe ich Giddens bisher sehr oberflächlich rezipiert. Der Giddensmeter steht bei mir seit langer Zeit verdeckt und versteckt in der hinteren Buchregalreihe. Habe nie gewusst, wo ich die anfangen soll/muss. Wahrscheinlich mit "The Constitution of Society, Outline of the Theory of Structuration", nicht wahr?
(c) die Grundidee der "Situierten"-Bewegung zwar kenne und auch gut finde, aber die Untersuchungen selbst (z.B. von Suchman, die ich von meinem Berkeley-Stipendium auch persönlich kenne) nicht besonders aufregend finde. Lave schon, aber da weniger das "Situiertsein" als andere Momente, die mich wie z.B. die "legitimierte periphere Partizipation" weit mehr angesprochen haben. Vielleicht habe ich da aber was übersehen oder falsch verstanden?
Möchtest Du nicht – zu unser allem Vorteil – Deinen Anker so auswerfen, dass wir ihn alle sehen können. Hol Dir doch Schreibrechte für das Weblog, dann musst Du nicht in diesen mühseligen Kommentaren herumfummeln und kannst/willst vielleicht weiter ausholen!
Peter, :-) Ich "kenne mich nicht speziell aus", das wäre reichlich übertrieben! Derzeit mühe ich mich soweit das geht n e b e n meinem Beruf durch die Texte von Latour. Was ich hier von mir gebe ist lautes Denken, ungeachtet der Tatsache, dass viele Dritte zuhören können (das muss ich ausblenden).
Zu deinen Fragen: (a) Hier gibt Hutchins selber eine knappe Zusammenfassung http://hci.ucsd.edu/hutchins/citw.html (b) berühmt ist nicht Giddens Beispiel, sondern das von Hutchins (Cockpit). Ich sage deshalb mit einem Augenzwinkern "berühmt", weil es am Münchener Lehrstuhl (Mandl) immer wieder herangezogen wurde (Jahr 2000) http://hci.ucsd.edu/lab/hci_papers/EH1996-1.pdf, um die schlecht verstehbare „verteilte Kognition“ zu verdeutlichen bzw. das GRUNDSCHEMA überhaupt zu klären. Wir haben diesen Ansatz (Situierung/verteilte Kognition) aktuell aufgegriffen um eine theoretische Grundlage für ein laufendes EU-Projekt zu schaffen: http://www.imb-uni-augsburg.de/files/Arbeitsbericht_25.pdf, da sieht man dann einen möglichen Transfer ins e-learning, bisher o h n e vertiefende soziologische Rückbindung (z.B. legitimierte periphere Partizipation).
Am Beispiel der webgestützten Fahrstunde im Arbeitsbericht (vom Cockpit kommen wir nicht los ;-) kann man die Verteilung und vielleicht auch die Dislokalität des Handels (Latour) verdeutlichen. Fahrschüler sind beim Fahrenlernen eingebunden in einen konkreten Handlungskontext. Ihr Handeln ist abhängig von der aktuellen Fahrsituation (Auto, Verkehrsteilnehmer, Fahrleher, Instruktionen), aber auch von vergangenen und zukunftsgewandten Gedanken. Mit der Videographierung der Fahrstunde und der Verfügbarmachung im Web wird diese Situation digital festgehalten/verteilt und für die Zukunft verwertbar gemacht. Der Fahrlehrer wird im Auto neben den direkten Instruktionen auch Anweisungen für die Nachbereitung (Kommentierung) Daheim geben. Der Fahrschüler ist sich dieses zukünftigen „reflection on action“ beim Fahren selber bewusst; die Handlung wird also von der (gedachten) Zukunft aus mit beeinflusst. Eingebettet in eine virtuelle Community von Fahrschüler (z.B. via geotag) könnte man so noch andere Einflussfaktoren (nach Latour „Aliens“) für das eigene Handeln identifizieren. Man sieht in diesem Beispiel vielleicht, dass Latours Forderung nach U n b e s t i m m t h e i t der Handlung (S. 105) erfüllt ist. (c) => siehe b).
Mir ist diese Form der Rekommentierung im Kommentarbereich des Weblogs gerade recht. Das Textlesen und Nachverstehen auf der Grundlage d e i n e r Zusammenfassungen hilft mir sehr, überhaupt (tastende nicht wissende!!!) Anker zu finden.
Grüße! Frank
Ah, jetzt erinnere ich mich auch schon vom Cockpit-Beispiel gehört zu haben. Du hast recht, ein gutes Beispiel von Dislocation von Handeln/Kognition/Kommunikation. Ich habe das jetzt nur nicht Hutchins zugeordnet.
Bei Malcolm Gladewll in "Outliers - The Story of Success" gibt es übrigens ausführliche Beispiele mit wörtlicher Transkription von Tonbandaufnahmen aus dem Voice Recorder, die kritischen Situationen vor dem FLugzeugabsturz analysieren. Extrem eindrucksvoll und emotional berührend, weil es zeigt, dass meistens nicht die Technik das Problem ist, sondern der Umgang (Kommunikation bzw. Handeln) damit.
Ich glaube sogar, dass das Cockpit-Beispiel besser als das von mir zitierte Beispiel zur Videoüberwachung des Wolkenkratzers in Manhattan ist. Warum: Das Hochbeispiel legt nahe, dass unter Dislozierung vor allem die Übermittlung der elektronischen Daten in die Videozentrale gemeint ist - so habe ich es auch in meiner Interpretation dargestellt. Tatsächlich geht es aber nicht um räumliche Nähe oder Ferne, sondern darum, dass Handeln im Netzwerk der menschlichen und nicht-menschlichen Handlungsträger und ihrer Verknüpfungen "aufgeht", nicht lokalisierbar ist, unterbestimmt ist. Es ist für S2, dh. der"Soziologie der Assoziation" nicht evident und von vornherein als gegeben anzusetzen, wer, was, warum und mit welchen Folgen macht.
Ich werde versuchen zu gegebener Zeit darauf nochmal näher einzugehen. Deine Links muss ich mir auch noch zu Gemüte führen.
Die Überschrift des Kapitels der 3. Woche ("Handeln wird aufgehoben") beeinhaltet den Begriff der "Aufhebung", der aus der – zumindest für mich – etwas dunklen Hegel'schen Ausdrucksweise stammt. Für mich drückt sich darin die nach meinem Gefühl für die ANT nicht ganz richtige Vorstellung einer Spiralbewegung aus, wo auf einer "höheren Ebene" etwas Neues entsteht, dabei aber das Alte – in anderer Form – weiter wirkt bzw. beibehalten wird. Zum Unterschied davon finde ich den Neologismus "dis-lokal" für das Verständnis von ANT geeigneter und auch insgesamt aussagekräftiger. Keine Spiralbewegung oder dialektischer Widerspruch sondern eine Zerstreuung, eine Art von Auflösung im Raum, eine Nicht-Lokalisierbarkeit.
Zerstreuung, Auflösung im Raum, Nicht-Lokalisierbarkeit: Das bringt natürlich den schon einmal strapazierten Vergleich mit der Physik in den Fokus. Eine instruktive Passage für diese Analogie habe ich in einer Diskussion der Newsgroup de.sci.physik gefunden: Auf die Frage, was denn nun ein "Teilchen" sei, ob ein Quant denn auch stofflich zu verstehen sei oder nur eine Wirkung verursacht, heißt es ungefähr in der Mitte des Diskussionsstranges (nach "dislokal" suchen):
Die Interferenz dieses Photons muß durch eine (dislokal wirksame) Wellenfunktion beschrieben werden, und sobald es wieder lokalisierbar ist, "kollabiert" diese wieder. Quanten scheinen es als erste Wahl "vorzuziehen", dislokal zu interferieren und erst dann wenn das wegen lokaler Definitheit nicht möglich ist lokal zu "kollabieren".
Der Neologismus "Dis-lokal" ist also bloß in den Sozialwissenschaften eine bisher nicht allgemein verwendete Begrifflichkeit. Er wurde von Cooren 2001 in The Organizing Property of Communication eingeführt um den (scheinbaren?) Widerspruch zwischen Mikro- versus Makroanalysen begrifflich "aufzuheben" - um bei der Hegel'schen Terminologie zu bleiben. Die Idee dahinter ist folgende Beobachtung:
SoziologInnen, die sich vor allem mit der Mikroebene beschäftigen (z.B: Ethnomethodologie, Phänomenologische Soziologie, Symbolischer Interaktionismus), fokussieren auf das "Hier und Jetzt" ("here and now"), also auf kleinräumige, lokale, aktuelle, situationale Interaktionsfolgen bzw. Handlungstheorien. MakrosoziologInnen (z.B. Systemtheorie, Strukturalismus bzw. Post-Strukturalismus) hingegen fokussieren auf das "Dort und Damals" ("there and then"), also auf großräumige, globale, allgemeine, strukturelle Interaktionsfolgen bzw. Handlungstheorien. Können bzw. sollen diese beiden unterschiedlichen Zugänge harmonisiert werden? Wenn ja - wie?
Die ANT-Wort ist ja! In Anlehnung an die Ethnomethodologie werden alltagspraktische Handlungen, also aktuelle, kleinräumige Situationen (Mikrosoziologie) untersucht. Dieser "Bottom-Up Ansatz" wird dann jedoch durch die Einbeziehung der Rolle nicht-humanen Akteure zeitlos und disloziert. Ein Beispiel von Cooren & Fairhurst soll dies verdeutlichen:
3 Tage lang wurde der Generalmanager eines 60-stöckigen Hochhauses mit einer Videokamera begleitet. Ziel der Feldarbeit war es ein besseres Verständnis von seinen alltäglichen Routinetätigkeiten zu gewinnen. Während dieses Beobachtungszeitraums zeigte sich, dass bestimmte Vorschriften (z.B. eine Anschlagtafel beim Eingang) und Geräte (wie z.B. die TV-Überwachungskamera), die nach 9/11 eingeführt worden waren, eine wichtige Handlungsrolle übernommen haben:
Im Rahmen der Mikrosoziologie können die Beobachtungen der Verhaltensweise von Gästen (Außensicht durch "objektive" Beobachtung) nun folgendermaßen als sinnstiftende Handlungen (subjektive Innensicht durch Akteure) interpretiert werden:
Es fällt auf, dass alle angeführten Aktionen intentionale Handlungsfolgen eines menschlichen Akteurs sind ("Ich"). Zum Unterschied davon bezieht die ANT nun auch nicht-menschliche Akteure (wie die Anschlagtafel und die Überwachungskamera) in die Analyse ein. Es heißt dann:
Es fällt auf, dass in diese Beschreibung weniger Vermittlungsschritte verwendet. Gleichzeitig zeigt die Verwendung von Verben bzw. Tätigkeitswörter verwendet worden sind (hinweisen, registrieren), dass auch nicht-humane Akteure handeln können, d.h. eine Veränderung bewirken können. Wäre die Anschlagtafel nicht dort wo sie ist und hätte sie nicht diesen Text, den sie hat, dann würden die Handlungsfolgen von Gästen ganz anders verlaufen. Weiters fällt auf, dass sich die nicht-menschlichen Aktanten jeweils auf Menschen beziehen, d.h. es wird eine Subjet-Objekt Relation eingenommen (Anschlagtafel - Besucher bzw. Anlage – Besucher), womit diese Beschreibung nicht nur kürzer sondern auch vollständiger ist.
Zum Abschluss nun noch ein langes Zitat, das diese Analyse in den Worten von Cooren & Fairhurst widergibt. Zitiert aus dem Abstract von: Local? Global? No, Dislocal: How to Scale Up From Interactions to Organization, eine Vorversion des Beitrages Cooren François & Gail T. Fairhurst: "Dislocation and Stabilisation: How to Scale Up From Interactions to Organization" in Putnam, Linda, und Anne Nicotera. 2008. Building Theories of Organization: Centering Organizational Communication. 1. Aufl. (Routledge: Oxford, S.117-152).
How can we describe and analyze the details of interactions while showing that they literally contribute to the constitution of an organization? While this issue is hardly new, it is our hope that our answer will prove to be original. We undertake this analysis using a concrete situation to illustrate how “scaling up” occurs through actions that first appear to be locally performed. To do so, we will introduce concepts that have been developed by Bruno Latour (1986; 1994; 1996; 1999) to depict and analyze how non-human entities tend to not only dislocate interactions, but also stabilize them. This bottom-up perspective will then enable us to show that interactions are never completely local. Instead, they are what we call, using a neologism, “dis-local,” that is, their local achievement always mobilizes a variety of entities—documents, rules, protocols, architectural elements, machines, technological devices—that dislocate, i.e., “put out of place” (Webster’s Dictionary) what initially appeared to be “in place,” i.e., local. Our analyses will show that the “here and now” is always contaminated by the “there and then” (whether in the past or future). However, and this is the main point of our argument, this “there and then” was or will be another “here and now.” We never leave the level of events and actions even as these events become linked to one another through space and time. Paraphrasing Latour (1993) while giving it a Derridian flavor, we could say that the immanent (micro) is always already transcendent (macro).
Es wäre jetzt vielleicht wieder interessant das bereits diskutierte Beispiel zum Alarmnetzwerk von der WHO als Anwendungs- bzw. Übungsbeisiel her zu nehmen.
Ich weiß nicht, ob das hierher gehört. Ich habe mich zu meiner Studienzeit mit dem Thema ANT und alternative Sozialforschungsmethoden bzw. Feldzugängen schon einmal beschäftigt. Ich hatte es nur bisher erfolgreich verdrängt.
Es gab 1933 eine Studie, die sehr bekannt ist und aus meiner Sicht der Vorgänger der ANT ist. Schaut man sich die Struktur der Marienthal-Studie an, erkennt man zunächst die Hauptakteure, aber auch das die Akteure beeinflussende z. T. immaterielle Umfeld (z. B. die Zeit) und dessen sozialen Zusammenhänge.
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Arbeitslosen_von_Marienthal
Weiterführung des ANT-Ansatzes ist evtl. auch die Themenzentrierte Interaktion, die das Dreieck Ich - Wir - Globe beschreibt und dementsprechend flexibel auf die Wirklichkeit eingeht.
Was meint Ihr dazu? Seht Ihr ebenfalls die Verknüpfung zu den beiden Ansätzen?
Viele Grüße
Katja Caspari
> Ich weiß nicht, ob das hierher gehört.
Der Latourtext ist so grundsätzlich, dass es wahrscheinlich kaum etwas gibt, was nicht hierher gehört ;-) Außerdem sind Hinweise, Verknüpfungen (auch wenn sie sich dann nicht als passend herausstellen) genau das, was wir mit dieser gemeinsamen Lektüre erreichen wollen.
Mit einem österreichischen Soziologiestudium muss man natürlich die Marienthal-Studie kennen :-) Sie ist methodisch wirklich gut, weil das Zeitverhalten Arbeitsloser mit vielen Tricks aus der Methodenkiste untersucht wird. Das Buch ist gut geschrieben und es gibt auch einen Superfilm dazu ("Einstweilen wird es Mittag"), der einem sehr betroffen macht: Am Ende des Films ziehen die WissenschaftlerInnen ab und es kommen die Nazis, deren Propaganda auf fruchtbaren Boden fällt.
"Die Arbeitslosen von Marienthal" werden immer als "Frontrunner" für qualitative Sozialforschung zitiert. Ich würde sie aber nicht als Vorläufer für ANT einordnen. Ich sehe eher einen Zusammenhang mit der Ethnomethologie, weil die AutorInnen vor allem eine dichte Beschreibung des Zeitverhaltens und der Zeitwahrnehmung vorgenommen haben und sie die traditionelle "Falle" der empirischen Forschung vermieden haben: Hypothese aufstellen, Hypothese überprüfen bzw. zu falsifizieren.
Nach den bisherigen Text würde ich eines der wesentlichen Charakteristika bei ANT in dem Netzwerk von humanen und nicht-humanen Aktanten sehen. Darauf geht aber die Marienthal-Studie nicht ein.
Aber vielleicht ist die Frage nach einem "Vorgänger", "Vorläufer" oder "Frontrunner" auch falsch gestellt: Wahrscheinlich ist es vielmehr so, dass bestimmte empirische Methoden einige Momente mit der ANT teilen, sozusagen einige der 5 Quellen der Unbestimmtheit teilen. Darauf geht ja Latour in der von Frank Vohle bereits zitierten Fussnote selbst ein (Nr.30 S.105f. der deutschen Fassung, bzw. Nr.66, S.60 der englischen Fassung). Da sagt er, dass z.B. der Ansatz der situierten Kognition die ersten 3 Quellen der Unbestimmtheit teilen. Unter diesem Aspekt scheint mir da und dort auch ein Teilen mit einer Unbestimmtheiten bei der Marienthal-Studie gegeben. So ist möglicherweise Dislokalität ("Handeln wird aufgehoben", Unbestimmtheit Nr.2) auch bei der Jahoda/Lazarsfeld/Zeile-Studie gegeben.
Ich schreibe "möglicherweise", weil das interessante bei der Studie eigentlich gerade ist, dass der traditionelle Handlungsbegriff umgedreht wird und "Nicht-Handeln" im Mittelpunkt der Untersuchung steht: Da wird ein Mann beobachtet, der sich langsam und umständlich eine Pfeife anzündet und sich dann gemächlich aus dem Schatten des Hauses zur Mitte des Platzes, wo der Kirchturm steht, begibt. Als er dann endlich dort ankommt ist es "einstweilen … Mittag geworden" (siehe Filmtitel).
Wenn aber "Nicht-Handeln" (unter Anführungszeichen, weil natürlich z.B. sich nicht-bewegen, nicht kommunizieren auch eine Handlung bzw. Kommunikation darstellt. Das hat Watzlawik für die Kommunikation schön gezeigt.) untersucht wird, dann gibt es natürlich automatisch eine Nähe zur 2. Quelle der Unbestimmtheit ("Handeln wird aufgehoben").Aber soweit ich weiß, gehen die AutorInnen theoretisch darauf nicht. Es ist also eher eine Ähnlichkeit aus verschiedenen Gründen, denn eine Geistesverwandschaft.
PS.: Nur so ganz nebenbei: Interessant wie die obige "unschuldige" Frage eine ganze Batterie neuer Gedanken, Analogien, Querverbindungen, Abgrenzungen etc. auslösen. Von wegen vielleicht nicht dazu gehören...
In diesem Kapitel diskutiert Latour nach "Gruppe" und "handeln" eine weitere Quelle der Unbestimmtheit: Wer ist alles Handlungsträger? Für Latour sind nicht nur Menschen sondern auch Objekte Handlungsträger. Diese Ansicht ist für Leute wie mich, die ein Studium der Soziologie hinter sich haben, schwer zu verkraften.
Eine der Schwierigkeiten mit ANT zu Rande zu kommen, besteht gerade darin, dass die beiden Grundbegriffe der Soziologie – "handeln" und "sozial" – im Vergleich zum Mainstream der Soziologie ganz anders, zum Teil konträr, definiert werden. Meine Generation von SoziologInnen hat im Anschluss an Max Weber gelernt, dass Handeln auf menschliches Verhalten beschränkt ist und nur dann als Handeln gilt, wenn damit ein subjektiv gemeinter Sinn verbunden ist. Soziales Handeln ist hingegen dann gegeben, wenn Handeln auf das Verhalten anderer Menschen bezogen ist (§1 von Wirtschaft und Gesellschaft, Grundriß der verstehenden Soziologie, leicht nach unten scrollen).
Wenn ich mit einem Fahrrad gegen einen Stein fahre, dann ist das – weil unbeabsichtigt und mit keiner Intention und Sinn verbunden – kein Handeln sondern in der Diktion von Max Weber bloßes Verhalten. Auch ein unbeabsichtigter Zusammenstoß zweier Radfahrer ist demnach kein Handeln. Wenn ich aber jemand absichtlich über den Haufen fahre, dann ist es nach Weber ein soziales Handeln, weil es auf das Verhalten anderer Menschen bezogen ist. Allerdings handle nur ich, der diese Handlung plant und ausführt "sozial", der andere Fahrer, der vom Rad stürzt "verhaltet" sich nur. – Aber jetzt wird es – auch für Max Weber Fans – schwierig: Wenn der stürzende Radfahrer seinen Fall abzuschwächen versucht, handelt er da schon oder verhaltet er sich bloß?
Letztlich lässt sich die Unterscheidung von Weber nicht konsistent umsetzen. Ganz abgesehen davon, dass Menschen keine Zombies sind und immer eine Intention (Sinn) mit ihrem Verhalten verbinden (auch wenn es dann anders kommt als geplant), müssen die unterschiedlichen Deutungen immer explizit auf die beobachtbaren Spuren, den eigentlichen Bewährungsproben, bezogen werden. Die Entfaltung der Kontroverse darüber wer nun eigentlich Handlungsträger ist und wer nicht, haben wir bereits als zweiten Quelle der Unbestimmtheit kennen gelernt.
In diesem Kapitel taucht eine weitere Definition von "sozial" auf. Rekapitulieren wir den bisherigen Stand der ANT-Konzepte zum Grundbegriff "sozial" und ergänzen ihn mit der Bedeutung Nr. 3:
Soziales Nr. 1: Darunter versteht ANT die in der Mainstream-Soziologie herrschende Vorstellung von sozialen Bindungskräften, die gewissermaßen als Kitt für den Zusammenhalt der Gesellschaft verantwortlich sind. Soziales Nr.1 wird als eigener Realitätsbereich vorgestellt. Beispielsweise geht Habermas in seiner Theorie des kommunikativen Handelns davon aus, dass die Orientierung an den drei universell in der Sprache innewohnenden Geltungsansprüchen (objektiver, subjektiver und sozialer Geltungsanspruch) diesen Zusammenhalt gewährleistet.
Soziales Nr.2: Die ANT hingegen versteht unter "sozial" keinen eigenen Realitätsbereich, Gegenstand oder Stoff sondern eine Bezeichnung für eine Bewegung, Verschiebung (displacement), Transformation, Übersetzung, Einschreibung1 (enrollment). Soziales Nr.2 "bezeichnet eine Assoziation zwischen Entitäten, die in keiner Weise als soziale erkennbar sind, außer in dem kurzen Moment, in dem sie neu [zusammen]gruppiert (sic!) werden." (112)
Soziales Nr.3: Darunter versteht die ANT die "lokalen, nackten, dynamischen, ausrüstungslosen face-to-face-Interaktionen" (112). Es ist dies das soziale Handeln nach Weber, allerdings noch etwas weiter eingeschränkt: Menschen beziehen sich zwar auf andere Menschen aber nur der direkte unmittelbare ("nackte") Kontakt, face-to-face-Interaktion zählt als "sozial". Die Frage eines Studenten an seine Professorin im Büro während der Sprechstunde zählt als Soziales Nr.3, das Schreiben dieser Frage als E-Mail zählt schon nicht mehr dazu.
Ich habe schon vor langer Zeit – damals noch ganz in der Tradition von Max Weber und Alfred Schütz – darauf hingewiesen, dass dies im Zeitalter der interaktiven Medien eine unzulässige Einschränkung darstellt. (vgl. meinen Artikel: Von face to interface. Die Mensch-Computer-Interaktion als geschlossener Sinnbereich.) Ganz abgesehen davon, dass die Grenzen fließend sind: Wenn ein Telefonat zweier Menschen von den VertreterInnen des Sozialen Nr. 3 sicherlich noch nicht als face-to-face Interaktion durchgeht (schließlich ist kein face-to-face Kontakt vorhanden), wie sieht das bei einer Videokonferenz aus? (Normalerweise fällt auch das nicht unter face-to-face, sondern es wird darauf verwiesen, dass es um die unmittelbare körperliche Präsenz geht, die in der Interaktion für eine Sinndeutung vorhanden sein muss.)
Die Kritik von Latour an Soziales Nr.3 ist eine grundsätzliche: Mit Hinweis auf die Untersuchungen von Shirley Strums zu Pavianen macht Latour (selbst Anthroploge) deutlich, dass soziale Bindungen ohne Hilfsmittel sich nur schwer aufrecht erhalten lassen. Ohne Hilfsmittel müssen diese sozialen Bindungen immer neu verhandelt werden ("Beziehungsarbeit") und können sich zeitlich und räumlich kaum ausdehnen.
Jedesmal wenn wir die Ausdehnung einer beliebigen Interaktionsfolge in Zeit und Raum erklären wollen, müssen wir die praktischen Mittel für diese Ausdehnung aufspüren (vgl. 114). Aus diesem Grund ist auch Soziales Nr.3 als Grundbegriff für die Sozialwissenschaften zu eng gefasst und müssen wir uns den Objekten, Dingen und Instrumenten zuwenden, die diese Bindungen aufrecht erhalten.
Diese Zuwendung zu Objekten kommt einer Erweiterung des Spektrum der Akteure gleich: Wir haben ja bereits bei der zweiten Quelle der Unbestimmtheit erfahren, dass unter Handlung all das verstanden wird, was eine gegebene Situation verändert und daher einen Unterschied ausmacht. In diesem Sinne sind aber auch Objekte Handlungsträger. Jedes Ding, das eine gegebene Situation verändert, indem es einen Unterschied macht, ist ein Akteur (vgl.123).
Damit wir nicht schon von unserer Alltagssprache beeinflusst werden bieten sich folgende Übersetzungen der Begrifflichkeiten für Menschen und nicht-menschliche Handlungsträger an:
| Human |
Non-Human |
| handeln |
(inter)agieren2 |
| Akteur = Handlungsträger (Agentur, Agency), der bereits figuriert ist, dh eine Gestalt angenommen hat |
Aktant = Handlungsträger (Agentur, Agency), der noch nicht figuriert ist, dh. dem noch keine Gestalt verliehen wurde |
| Agent | Existenzform, Seinsweise |
| Mensch | Objekt, Ding, Entität |
Objekte, Geräte, Instrumente wie Hinweisschilder, Türschließer, Schlüssel und andere nicht-menschliche Entitäten können also an einem Handlungsverlauf beteiligt sein. Obwohl diese Entitäten Handlungen nicht determinieren (Obstkörbe "verursachen" nicht das Halten von Obst, Hämmer "erzwingen" nicht das Einschlagen von Nägel) sind sie auch nicht bloß als allgemeiner und abstrakter Hintergrund für menschliches Verhalten zu sehen. Sie können zwar nicht determinieren, aber doch ermöglichen, ermächtigen, anbieten, ermutigen, erlauben, nahelegen, beeinflussen, verhindern, autorisieren etc.
Der Slogan "Den Akteuren folgen" wird dann zu: "Den Akteuren folgen, wenn sie sich ihren Weg durch die Dinge bahnen, die sie den sozialen Fertigkeiten hinzugefügt haben, um die ständig sich verschiebenden Interaktionen dauerhafter zu machen." (118)
Ein weiterer wichtiger Punkt in der Einbeziehung der Objekte als Handlungsträger besteht darin, dass Objekte auch für die Analyse von Ungleichheiten und Machtbeziehungen relevant sind, indem ihnen Handlungspotential übertragen wird. Das berühmte Zitat von Mao Tse-Tung "Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen" drückt dies drastisch aus. Nun könnte man freilich sagen – und die Vertreter des freien Waffenzugangs tun dies auch – dass es nicht die Waffe ist, die tötet, sondern der Mensch, der sie bedient. Aber es ist gerade diese Kombination, dieser Hybrid von Mensch-Gewehr der tötet, der Mensch tötet mit der Waffe. Es macht einen großen Unterschied ob es sich bei dem verwendeten Objekt um ein Gewehr, ein Messer oder um eine Atombombe handelt.
Das Verfolgen des Handlungsverlaufs wird für SoziologInnen nun aus mehreren Gründen deutlich schwieriger:
Wie bei den anderen Unbestimmtheiten stellt Latour eine Liste von 4 Forschungsstrategien zusammen, wie der Prozess des Versammelns (der Assoziation) verfolgt werden kann. Zum Unterschied von den anderen beiden Unbestimmtheiten (Gruppen und menschlichen Handlungsträgern) können nicht selbst reden. Daher müssen spezifische Tricks erfunden werden, damit Dinge in die Lage versetzt werden Beschreibungen ihrer selbst (=Skripte) anbieten.
_________
1 Im deutschen Text wird "enrollment" mit "Anwerbung" übersetzt. Von der Sekundärliteratur wird aber darauf hingewiesen, dass der Begriff der "Einschreibung" für ANT zentral ist, den ich als Übersetzung von "enrollment" auch für geeigneter halte
Im Nachgang zur dritten Unschärfe sind mir auf der Basis von Peters Zusammenfassung und Interpretation (Danke Peter! Das Buch wäre ohne diese Hilfe bereits unterm Stapel „noch zu lesen“ verschwunden) drei ergänzende Anmerkungen wichtig und zwar in Richtung: (a) Handlungsträger als Affordances, (b) Schwierigkeiten, Handlungsverläufe aufzuspüren (c) Formen der Unsichtbarkeit - Strategien Objekte zum Reden zu bringen.
(a) Handlungsträger als Affordance
(@Peter) „Obwohl diese Entitäten Handlungen nicht determinieren (Obstkörbe "verursachen" nicht das Halten von Obst, Hämmer "erzwingen" nicht das Einschlagen von Nägel) sind sie auch nicht bloß als allgemeiner und abstrakter Hintergrund für menschliches Verhalten zu sehen.“
An dieser Stelle meine ich eine Nähe zu Gibsons J.J. Wahrnehmungskonzept auszumachen. Sein Begriff der „Affordance“ wurde insbesondere von Greeno in Richtung des situierten Lernens (siehe Fußnote 30 bei Latour und unsere Anmerkungen im Blog) und D.A. Norman im Bereich der HCI/interaction design aufgegriffen und weiterentwickelt http://en.wikipedia.org/wiki/Affordance. Zentral ist die These, dass Affordances eine Qualität der OBJEKTE (in Relation zur subjektiven Wahr-nehmung) ist. Interessant ist nun, welchen ontologischen Status dieser Qualität „im“ Objekt beige-messen wird, wenn sie doch nur durch den Betrachter„aktiviert“ wird. Gebe es ohne Beobachter diese Qualität? Wenn nein, ist es dann sinnvoll von „HandlungsTRÄGERN“ (Latour) zu sprechen oder ist das nur eine verführerische Metapher? Bei Latour heißt es an anderer Stelle etwas schlichter: Sie sind „B e t e i l i g t e am Handlungsverlauf“ (S.124), wirken also als Moderatoren, Filter, Mittler.
b) Schwierigkeit, Handlungsverläufe aufzuspüren
(@Peter): Das Verfolgen des Handlungsverlaufs wird für SoziologInnen nun aus mehreren Gründen deutlich schwieriger…(…). Meiner Ansicht ergeben sich zwei Herausforderung: (1) mit welchen Er-kenntnismitteln untersuchen wir diese Existenzformen, wenn es sich um v e r t e i l t e und f l ü c h t i g e Entitäten handelt und (2) wenn wir einen solchen „verteilten“ Handlungsbegriff voraussetzen, was ist dann mit dem Konzept der Verantwortung? Wird personale Verantwortung in systemische, auf viele Handlungsträger verteilte Verantwortung verschoben, gibt es neue Verknüpfungen?
c) Formen der Unsichtbarkeit - Strategien Objekte zum Reden zu bringen
Nach den vier Strategien (siehe oben bei Peter) interessiert mich der Z u s t a n d der „unsichtbaren“ Mittler im Rahmen von erweiterten Aktivitätssystemen (Latour: Erweiterung der Handlungsträger), denen offenbar große Steuerungsfunktion zugeschrieben wird.
Peter hat selber bei der Diskussion um das „Hutchins-Cockpit“ auf die Arbeiten von Malcolm Gladewll (Outliers - The Story of Success ) und deren Analyse von Flugzeugabstürzen hingewiesen. Die Auswertung der Tonbandaufnahmen zeigte, dass die Piloten oft genug an der falschen Kommunikation gescheitert sind und nicht wie man denken könnte, an der der Bedienung der Technik. Man könnte dies „Unsichtbarkeit 1. Ordnung“ nennen, weil die „Ursachen“ auf den ersten Blick nicht sichtbar, aber beim genauen Hinsehen (durch Analyse, in diesem Beispiel sogar unter Berücksichtigung der 1. Strategie) identifizierbar sind.
Latour Mittler haben meiner Ansicht nach eine andere Qualität: sie sind „in die Prozesse eingewoben“, also nicht durch Stoppen, Festhalten und Analyse der Situation so schnell sichtbar zu machen. Sie sind implizit! Wenn man ihnen auf „die Spur kommen“ will, muss man seinen Beobachterstandpunkt selbst inmitten des Prozesses legen. Hat man soziale Phänomene im Blick, z.B. wenn Kinder spielen bzw. sich neue Spielstrukturen figurieren (Verschiebung im Sinne Latours), dann ist es für einen externen Beobachter sehr schwer/ unmöglich, hier die Mittler zu identifizieren, die neue Figurationen anstoßen/ bedingen. Der Forscher müsste mit den Kindern mitspielen (1. Strategie), sich darüber wundern können, dass bedeutungslose G e g e n s t ä n d e wie eine Blechdose zu einem Spielball mutieren/animieren (2. Strategie), erkennen, dass z.B. die Spielführer die Regeln schlagartig und ohne Worte ändern, weil nur so ein kleinerer Junge mitspielen kann, sodass der Spielsinn (Zielfunktion) nicht unterbrochen wird (3. Strategie). Erst durch künstliche (nicht spielimmanente) Störung bzw. Regelmodifikation im Prozess kann man als MITSPIELER diese versteckten Mittler „kurzzeitig“ aufdecken/aufspüren, weshalb man auch von einer „Unsichtbarkeit 2. Ordnung“ sprechen kann.
Ok, soweit so gut, bis hier also nur eine Übersetzung der Strategien in ein EIGENES Beispiel, zum eigenen Verstehen.
Die folgenden Anmerkungen haben recht spekulativen Charakter, ich wollte sie zunächst wieder löschen. Aber dies ist eine Lese-REISE und da gibts sicher auch Trampelpfade (und Sackgassen).
Wir sind diesem Punkt (Unsichtbarkeit) zu einem früheren Zeitpunkt in diesem Blog schon einmal begegnet: unter dem Stichwort „Pattern“ und didaktische Ordnung wurde der von Ch. Alexander genutzte Begriff der „Einfaltung“ von mir mit David Bohm (Die implizite Ordnung) in Zusammenhang gebracht. Bohm verdeutlicht seine implizite Ordnung (von Wirklichkeit) mit einem mechanistischen Beispiel (vgl PDF unten): Zwei unterschiedlich große Glaszylinder sind im Zwischenraum durch eine viskoser Flüssigkeit von einander getrennt. Man fügt nun einen Tropfen roter Tinte in die Flüssigkeit und dreht den inneren Zylinder x-mal um die eigene Achse, so dass der Tropfen „in die Flüssigkeit eingefalten“ wird – er ist von außen als Tropfen nicht mehr erkennbar. Mit einem zweiten blauen und dritten grünen Tropfen verfährt man analog. Nach x+n Drehungen sieht man in der Flüssigkeit von außen keinen Tropfen mehr, die „Tropfen“ stecken als Partikel innerhalb der Flüssigkeit. Warum spricht Bohm nun von impliziter ORDNUNG? Mit seinem Beispiel zeigt er, dass die Tropfenform wieder explizit aus der Flüssigkeit hervortritt/sichtbar wird, wenn man den inneren Zylinder um genau die Drehungen x+n zurückdreht: erst erscheint der grüne, dann der blaue, dann der rote Tropfen, wobei die Ganzheit jedes Tropfens (Kugelform) nie von allen drei Tropfen gleichzeitig erreicht wird. Es existiert also eine explizite und implizite Ordnung, wobei im Beispiel beide Ordnungen (mechanistisch) zusammenhängen. (Wer es nochmal nachlesen möchte, der sei hier auf das längere Originalzitat verwiesen http://www.eugwiss.udk-berlin.de/schmid/diss/III.37.html. Es wird im Zitat deutlich, dass das Gedankenexperiment noch weiter geht und vor allem einen Unterschied zu kartesianischen Vorstellungen – isolierte Entitäten – in Abgrenzung zu einer Teil-Ganzes-Beziehung aufzeigen will.)
Was bringt nun dieses Beispiel im Zusammenhang mit Latour? Ich greife es auf um zu zeigen, wie man sich die „Unsichtbarkeit 2. Ordnung“ und damit die Unsichtbarkeit von Mittlern in einem erweiterten Handlungs- oder Aktivitätssystem (Latour) a n a l o g vorstellen kann, wobei die Tropfenpartikel verteilte Entitäten (Dislokalität) und deren Beziehung in der Flüssigkeit implizite Abhängigkeiten verdeutlichen sollen - vielleicht gibt es hier auch eine Grenze, "die Dinge zum Sprechen zu bringen". Einschränkend muss man sagen (und das tut Bohm), handelt es sich um ein mechanistisches Beispiel, dass Unschärfen, chaotische Zustände (quantenmechanische Vorstellungen) ausklammert. Gerade der Charakter der Mittler zeichnet sich aber bei Latour – so wie ich es verstanden habe - durch Sprunghaftigkeit, Nicht-Determinirtheit und Fernwirkung aus.
Also, hier nur Krücken. Aber es wäre auch überraschend wenn man Unschärfen mit abgesicherten und exakten Begriffen aufdeckt, oder? Deshalb am Ende die Frage: Welche Sprache/ Erkenntnismittel nutzen wir, um Latours „neue Soziologie“ zu betreiben?
Grüße! Frank
Bohm: http://www.tphys.physik.uni-tuebingen.de/braeuer/Buecher/Gewahrsein/11_Implizite_Ordnung_Abb.pdf
Deine Illustrationen zu "Formen der Unsichtbarkeit" finde ich sehr anregend. Ich habe allerdings das Beispiel von Bohm erst (einigermaßen) verstanden, nachdem ich mir die Abbildung heruntergeladen habe. Vorher konnte ich mir das mit den beiden Zylindern nicht gut vorstellen.
– Ist das wirklich so, dass der Tropfen wieder erscheint, wenn ich den inneren Zylinder mit der gleichen Anzahl von Umdrehungen wieder zurück drehe? Das ist ja ein Hammer! Die Analogie der "Unsichtbarkeit 2. Ordnung" von Physik (Bohm) und Sozialwissenschaft (Latour) ist ein weiteres Beispiel das zeigt, dass Sozial- und Naturwissenschaften gar nicht so unterschiedlich auf einer tieferen, grundsätzlichen Ebene funktionieren.
Und hier kommt mein Problem: Diese Einschränkung (tiefere, grundsätzliche Ebene) mache ich, weil wir ja alle durch die Diskussion im Anschluss an Dilthey (http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Dilthey) vor allem aber – und mir weit besser bekannt – durch den sog. Positivismusstreit (http://de.wikipedia.org/wiki/Positivismusstreit) gerade ja auch immer auf die Unterschiede (in der Methode, Theoriebildung etc.) zwischen Natur- und Sozialwissenschaften hinweisen.
So wie ich es sehe, ist es am ANT-Ansatz wesentlich, dass die Sonderstellung des Sozialen (in der Bedeutung von Nr.1, dem Kitt) für die Gesellschaftswissenschaften aufgegeben wird: Und trotzdem wird nicht automatisch eine positivistische Folie des Naturbilds auf die Soziologie gelegt, sondern umgekehrt: Auch in den Naturwissenschaften ist nicht alles so wie es scheint, gibt es ein gehöriges Maß an Beobachter-Relativität. Natur wie Gesellschaft sind beide Kollektoren, wie Latour sagt (192), sind assoziierte Produkte, deren Bestandteile in ihrer Entwicklung und Interaktion untersucht werden müssen. Aber nicht etwa weil sie bloß verschiedenen interpretiert werden könnten, sonderen weil sich die "Tat"-Sachen selbst vielfältig entfalten können, vielfältige Existenzformen annehmen können, wir daher nicht in einem Universum, sondern in einem Pluriversum (William James) leben.
Auf die Frage, ob das in der Folge nochmal jemand liest: Definitiv. Ich acker mich gerade durch das Buch und bin ob der ganzen Anmerkungen, Gedanken und Querverweise aber mal derartig dankbar!
Das Kapitel zur 4. Unbestimmtheit ist doppelt so umfangreich (60 Seiten) wie die Abschnitte der anderen Unbestimmtheiten (ca. 30 Seiten). Das liegt aber nicht daran, dass diese Unbestimmtheit besonders schwierig zu erklären ist. Vielmehr nutzt Latour dieses Kapitel auch um auf die (noch relativ kurze) Geschichte der ANT einen Rückblick zu werfen. Ich möchte jedoch in einem ersten Schritt diese historische Aufarbeitung
überspringen und im Sinne der Mainstream-Argumentation mit der
Beschreibung der Unbestimmtheiten fortfahren.
[Ich bin mir ja sowieso bereits etwas unsicher geworden, wie viele Mitreisende es noch gibt. Vielleicht ist das vorgelegte Tempo auch etwas zu schnell? Jeder von uns hat schließlich noch ganz andere Sachen zu tun. Einmal "ausgestiegen" ist es wahrscheinlich schwierig den Anschluss wieder zu finden. Hat die Reise einmal begonnen ist es schwierig unterwegs wieder einzusteigen. Ich hoffe aber sehr, dass es auch für spätere LeserInnen Sinn macht diese Reise – dann durchaus in einem individuellen Tempo – selbständig nachzuvollziehen.]
Bisher haben wir 3 Unbestimmtheiten kennen gelernt, nun kommt eine vierte Unbestimmtheit hinzu:
Die deutsche Übersetzung von matters of fact bzw. matters of concern hat aus meiner Sicht einen Vor- und einen Nachteil. Einerseits zeigt das Wortspiel unbestreitbar/umstritten schön den Gegensatz auf, andererseits geht aber die Mehrdeutigkeit von "concern" verlorgen: Wichtig sein, (für jemand) von Bedeutung sein, aber auch beunruhigen, Sorgen machen.
Tatsachen sehen nur deshalb so "kritikfest" aus, weil sie sich uns bereits als fertige Dinge, als Endprodukte präsentieren. Wir sehen nicht mehr die Windungen und Wendungen ihrer Entstehung, ihre unsystematische oft qualvolle Entwicklung, die auch zu bestimmten Zeitpunkten ganz anders verlaufen hätte können. So wie "Gesellschaft" ist auch "Natur" ein Kollektor, eine Versammlung assoziierter Objekte. "… es gibt keinerlei direkte Beziehung zwischen wirklich zu sein und unbestreitbar zu sein." (194)
So wie wir bei den ersten drei Unbestimmtheiten vor allem die Kontroversen entfalten müssen, so müssen wir auch die Kontroversen über (wissenschaftliche) Tatsachen aufspüren und nachzeichnen. Das geschieht am Besten dort, wo die Tatsachen entstehen, wo sie konstruiert werden. Nur an diesen Entstehungsorten bietet sich
auch die seltene Gelegenheit, einen Blick auf die Entstehung, die Emergenz eines neuen Dings zu werfen, dessen Zeitlichkeit auf diese Weise kenntlich wird. Noch wichtiger ist jedoch, daß, wenn man an irgendeine Baustelle geführt wird, man die irritierende und erfrischende Empfindung hat, daß die Dinge anders ein könnten, oder zumindest, daß sie immer noch scheitern könnten – eine Empfindung, die angesichts des Endprodukts niemals so stark ist, ganz gleich, wie schön oder beeindruckend es sein mag. (153)
Nur an den Enstehungsstätten, an den Baustellen, den "construction sites" (leider vermittelt das deutsche Wort "Konstruktionstätte" nicht diesen unfertigen, unübersichtlichen und z.T. chaotischen Charakter) kann das, was zu einer "natürlichen, objektiven und unbestreitbaren Tatsache" versammelt bzw. assoziiert wurde, wieder entfaltet werden, können Realität, Einheit und Unbestreitbarkeit wieder hinterfragt werden.
Wie schon die anderen Kapiteln zu den Unbestimmtheiten, schließt auch dieser Abschnitt mit einer Liste von 4 Handlungsstrategien für die Forschungsmethodik ab:
Das Verfassen von Berichten ist eine weitere (die fünfte) Quelle der Unbestimmtheit. Auch SozialwissenschaftlerInnen sind Akteure, MittlerInnen bzw. MediatorInnen. Es ist eine falsche Vorstellung zu glauben, dass ein "objektiver" Bericht bloß unbestreitbare Fakten darzustellen hat. Im Gegenteil: Ein guter ANT-Bericht ist ein Text, der selbst als Mittler auftritt und sich darum bemüht, die vor sich gehenden Kontroversen weiter zu entfalten.
Es geht also nicht darum durch eine objektivierende Sprache (z.B. durch die Verwendung von Passivkonstruktionen, Pluralis majestatis, Fußnoten), kalte, unpersönliche und desinteressierte Berichte zu schreiben in der Hoffnung, dass dieser Schreibstil dem Anspruch von Objektivität genügt. Im Gegenteil: Der ANT-Bericht1 folgt den Spuren möglichst vieler Akteure, versammelt sie aufs Neue und ist selbst Teil eines Experiments, das auch scheitern kann. Statt einen scheinbar objektiven und/oder neutralen Gottesstandpunkt 2 (God's eye point of view) einzunehmen, sollten ForscherInnen danach trachten in ihren Texten die Präsenz von möglichst vielen Objektoren (d.h. von Objekten, die Einwände liefern, von Mittlern bzw. Mediatoren) zu versammeln und ihre Spuren nach zu zeichnen.
Latour sieht zwischen den sogenannten Hard- und Soft Sciences (Naturwissenschaften und Sozial/Geisteswissenschaften) vor allem den Unterschied darin, dass es in den Soft Sciences leichter ist, die Stimme der Akteure zu übersehen bzw. z.B. durch "kritische Erklärungen" zu unterdrücken.
NaturwissenschaftlerInnen hingegen können – ob sie es wollen oder nicht – die "Einwände" ihrer Objekte in ihren experimentellen Settings nicht völlig unterdrücken. Sie können z.B. nicht über ein Experiment schreiben ohne die relevanten Bedingungen zu nennen und über das Verhalten der relevanten Partikel (Moleküle, Atome etc.) zu berichten. Es ist dabei kaum möglich das Verhalten der Objekte (Instrumente, Untersuchungsgegenstände und – in diesem Zusammenhang auch – WissenschaftlerInnen) zu ignorieren und es gibt auch wenig Raum um abstrakte Stoffe (wie z.B. Äther) zu Erklärungen heranzuziehen; müssen diese doch selbst in ihren Bestandteilen und Wirkungen experimentell nachgewiesen werden.
In den Sozialwissenschaften hingegen ist es häufig der Fall, dass nicht aufmerksam den AkteurInnen gefolgt wird, sondern im Sinne einer Komplexitätsreduktion aus den vorhandenen Re-aktionen ausgewählt wird. Mehr noch: Bestimmte Re-aktionen werden gar nicht mehr in der Sprache der Akteure beschrieben, sondern in der Metasprache der SozialwissenschafterInnen, weil sie angeblich "typische Fälle" eines "falschen Bewusstseins", eine "offenkundige Selbsttäuschung" oder bloß den "Fetischcharakter unser Warengesellschaft" offenbaren. Der Protest der Akteure gegenüber diesen Interpretationen ist durch Brille der "kritischenSoziologInnen" gesehen nur ein weiteres Indiz für die Wahrheit dieser "Erklärung". Mit dieser Vorgangsweise hört für Latour Soziologie auf eine empirische Wissenschaft zu sein, und wird eine vampirische Wissenschaft: Die Akteure sind bloß Informanten, deren Äußerungen und Handlungen nur den kritischen Rahmen der SoziologInnen füllen helfen sollen.
Unter dem Gesichtspunkt von ANT sind textliche Berichte die Labors der SozialwissenschaftlerInnen (221), womit zwischen Hard- und Soft Sciences eine Symmetrie in zweifacher Hinsicht sichtbar wird:
Ein guter Bericht ist ein Text der ein Netzwerk aufzeichnet.
Latour ist mit diesem Begriff nicht glücklich, weil er mit Bezug auf andere Forschungsrichtungen zwei mögliche Verwechslungen in sich birgt:
Für ANT ist "Netzwerk" ein konzeptionelles Werkzeug, kein Ding "da draußen". Es ist ein Werkzeug mit dessen Hilfe etwas beschrieben werden kann und nicht das Beschriebene selbst. The map is not the territory.
Der Begriff ist historisch entstanden als es weder Internet noch Al Quaida gab und sollte gegenüber fertigen Konstrukten wie "Gesellschaft", "Institution", "Kultur", "Feld" etc. in Stellung gebracht werden, die bloß als "glatte Oberflächen" einfache Erklärungsmodelle liefern sollten. Auch wenn "Netzwerk" kein gutes Wort ist – "es gibt ohnehin kein gutes Wort, sondern nur einen sinnigen Gebrauch des Wortes" (229) – so braucht ANT ein Wort um die Übersetzungsströme, denen gefolgt werden muss, zu bezeichnen.
Allerdings ist der Begriff auch nicht so schlecht, weil 3 der vier Eigenschaften, die ein Netzwerk für ANT darstellt, durchaus mit der herkömmlichen Bedeutung korrespondiert:
ANT-ForscherInnen führen über alle Schritte Buch – auch über jene, die "bloß" mit der Produktion ihres Berichts zu tun haben. Alles wird zu Daten: Von den Umständen der Auftragserteilung, über das Studium von Literatur, Dokumenten, den ersten Anruf bei einem möglichen Interviewpartner, dem Starten einer Suchmaschine, der Nachbesserung der Vertragsbedingungen und/oder des Untersuchungsdesigns, Teambesprechungen bis hin zur Konstruktion des Fragebogens, der Auswertung der Ergebnisse. ANT hebt den Widerspruch zwischen Forschung und Bericht auf: berichten (schreiben) ist ein Teil des Forschungsprozesses.
Dabei gilt es 4 unterschiedliche Aspekte der Untersuchung zu dokumentieren:
… Ideen, Gliederungspunkte, Metaphern, Tropen kommen vielleicht unerwartet in der Untersuchung. Wenn man ihnen nicht gestattet, einen Ort und ein Ventil zu finden, dann werden sie entweder verlorengehen oder, schlimmer noch, die harte Arbeit des Datensammelns verderben, weil man die Metasprache der Akteure mit der des Analytikers vermischt. (234)
Unter ANT-Gesichtspunkten wird der Gegensatz von Beschreibung und Erklärung aufgehoben. Die Aufgabe eines guten Berichts besteht darin, Akteure als Netzwerke von Vermittlungen zu entfalten. Wenn dies gut gelingt, dann muss nicht noch extra eine "Erklärung" nachgeschoben werden. Die Erklärung ist die Entfaltung, dh. Beschreibung des Akteur-Netzwerkes. "Eine Beschreibung, die zusätzlich noch eine Erklärung verlangt, ist eine schlechte Beschreibung." (238). Ausnahmen sind relativ stabile Situationen, wo eine abgekürzte Schreibweise genügt. Doch auch dann sind jene Assoziationen zu nennen, die für diese Stabilität verantwortlich sind (siehe unten 3. Qualitätskriterium für einen guten ANT-Bericht).
Dabei ist aber zu beachten, dass "Beschreibung" bereits eine Transformation darstellt und es nicht bloß eine einzige und richtige Beschreibung gibt. Ähnlich wie bei einem Portrait erfordert der ANT-Bericht Fertigkeiten und Kunstgriffe, ähnlich wie bei einem Portrait gibt es gute und schlechte Ergebnisse. Der Bericht ist Teil eines künstlichen Experiments in denen Spuren nicht nur repliziert sondern auch generiert werden, wo Akteure zu Mittlern und Mittlern zu Zwischengliedern gemacht werden. ANT-ForscherInnen sind Teil dieses Experiments. Wenn sie Texte schreiben, schauen sie nicht bloß durch eine Fensterscheibe, sondern sie verändern durch ihre (Ver)Sammlungen das Untersuchungsfeld und mischen sich so – ob sie es wollen oder nicht – in die aktuellen Kontroversen ein.
Umso wichtiger ist es, dass die (Meta-)sprache der Akteure nicht mit der (Meta-)Sprache der ForscherInnen verwechselt wird. Als Qualitätskriterien für gute ANT-Berichte können die folgenden 4 Punkte gelten (vgl. 210):
__________
1 "Bericht" wird hier als Oberbegriff für alle Arten von Aufzeichnungen genommen wie z.B. Tabellen, Folien erstellen, eine Bild oder Grafik zeichnen, etwas fotografieren, filmen oder auch zur Aufführung bringen etc.
2 Ich stimme den Text, auf den der Link verweist nicht vollständig zu; insbesondere die Behauptung, dass es ontologisch gesehen sehr wohl einen Gottesstandpunkt gibt, halte ich für problematisch. Der Artikel gibt aber einen kurzen und verständlichen Einblick in die philosophische Diskussion zu "God's eye point of view".
Ich habe nun den Latour Text bis auf S. 328 gelesen, bin also schon über den Dialog hinaus, der als Zwischenspiel gilt und der sehr zu empfehlen ist. Dieser Teil ist sehr hilfreich!
Wir sind aber in der Lesereise bei den „riskanten Berichten“: Ich muss gestehen, dass ich in den letzten Wochen „latourisiert“ wurde, d.h. ich gehe mit dem Buch schwanger, d.h. ich fühle mich an manchen Stellen wie ein „auf Links gezogener Strumpf“; sicher geglaubter Grund beginnt zu wanken, oben und unter vertauschen sich. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Bisher habe ich immer versucht, bestimmte Projekte in einen theoretischen Zusammenhang zu stellen, also zu rahmen. Nun lese ich bei Latour, dass genau diese Rahmungen nichts ausagen würden, sondern das es vielmehr darauf ankomme, sich ausschließlich „der Sache“ zuzuwenden und die Spuren nachzuzeichnen, die sich aus einer Assoziation ergeben (Es gibt Wissenschaft nur vom Besonderen, S. 239). Es geht um genaueste Beschreibung, nicht um Erklärung, denn eine Erklärung könne die Beschreibung nicht ersetzen und bei einer vollständigen Beschreibung brauche man keine Erklärung mehr. Das geht schon soweit, dass ich in meinem Blog über zuviel Rahmungen auf einer Tagung meckere. Mit Latour rufe ich nach Emperie! So weit ist es schon gekommen ;-).
Nun möchte ich das bisher in mir Zusammengebraute einmal konkret anwenden und damit prüfen, ob ich überhaupt etwas von dem verstanden habe, was mir Latour sagen will: „Mittler, Zwischenglieder, Aktanten, Netzwerk, Dislokalität“ alles eher sperrige Begriffe. Also, im Folgenden ein Versuch zu einem riskanten Bericht... der auch scheitern können muss.
Vor zwei Tagen war ich auf der Tagung der Campus Innovation in Hamburg. Neben mir Christian Kohls, der wie ich gespannt auf die nachmittagliche Podiumsdiskussion war. Auf dem Podium sitzen eine Reihe von Wissenschaftlern, aber auch einige Kollegen aus der Lehrerbildung und ein Student. Im Hintergrund sieht man eine twitter-Wand, auf der aktuelle Meldungen sichtbar sind. Die ersten 20 min verlaufen „normal“, d.h. Kandidaten tragen artig ihre Statements vor und es passiert genau das nicht, was man so schwer erreicht, aber erwartet: eine Podiums-Diskussion, also irgendwas Fetziges oder Kontroverses! Plötztlich erscheint auf der twitterwand eine Meldung: „Das ist eine PodiumsDISKUSSION“, Absender p.baumgartner, … Peter, der die Beine schon langgestreckt hat, ist langweilig geworden. Von Gabi (Reinmann) wird die Frage in den Raum geworfen: „Darf ein Podiumsteilnehmer twittern?“, darauf antwortet keiner so recht. Das Publikum erwacht aus dem Schlaf und ein erstes Gelächter geht durch die Reihen. Peter ist Mittler 1, Gabi ist Mittler 2, Zwischenglied ist twitter (siehe Kausalität, S. 181). Die Wahrnehmungsarchitektur hat sich verschoben. Ich folge nun mit gespaltenem Bewussstein (a) der Diskussion UND (b) den Energien, die sich aus dem netzgestützten Twittergewitter (Internet), dem Publikumsmeldungen und den artikulierten Selbstwahrnehmungen des Podiums ergeben (Dislokalität). Hier tut sich was, eine neue Frage steht im Raum (Assoziation!). Nach ca 20 min beruhigt sich die Situation wieder. Christian flüstert mir ins Ohr, dass man auf dem Podium schön sehen kann, dass die Taxonomie wichtig sei, wir (Gruppe) sind wieder bei der Sache, kein gespaltenes Bewusstsein mehr, die Assoziation aus twitterwand, Podium, Publikum hat sich wieder stabilisiert/refiguriert.
Frage: Spiegeln sich in diesem Kurzbericht Elemente, kleine Ansätze der ANT-Methode wider oder ist das triviales Geschwätz? Wurden hier Akteure als Netzwerke (action net) von Vermittlungen entfaltet?
Bin gespannt :-) ... WER lässt einen Bericht eigentlich scheitern?
Grüße! Frank
In der Mitte des Buches "Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft" fasst Latour die bisherigen Überlegungen zu ANT in Form eines Dialogs zusammen. Der Text dieses Kapitels steht für sich alleine und verweist nicht auf frühere Kapitel und Argumentationen. Er ist auf Latours Website in einer englischen Fassung vorhanden.
Allerdings glaube ich inzwischen, dass es ungünstig ist, diesen Text alleine und isoliert zu lesen. Ich habe ihn zwar selbst bereits
seit Jahren als einen einführenden Text für Veranstaltungen zum
wissenschaftlichen Arbeiten verwendet. Vor kurzer Zeit hat mich jedoch
ein früherer Studierender, der inzwischen erfolgreich promoviert hat,
darauf hingewiesen, dass dieser Text damals ohne Vorbereitung für die
TeilnehmerInnen wenig verständlich war. Erst jetzt, wo er an der
Lesereise teilnimmt, habe er den Text so richtig zu schätzen gelernt. Peinlich für mich:
Aber auch spätes Feedback ist gutes Feedback
.
Tatsächlich hat es dieser Text in sich: Zum Unterschied zu den anderen Kapitel – die ja auch nicht ganz einfach sind –, lässt sich das Zwischenspiel aber schwer reduzieren bzw. zusammenfassen. Es ist ein witzig geschriebener Diskurs, dessen inhaltlicher Gehalt erst mit einigen Vorkenntnissen zu erschließen ist. Nicht umsonst hat Latour diesen in sich abgeschlossenen Text in die Mitte des Buches platziert: Er fungiert als Ausklang und Zusammenfassung des ersten Teils und gleichzeitig als Ouvertüre für den kommenden zweiten Teil.
Ich versuche diesen schwierigen Text mit der "Hammer"-Methode beizukommen: Zerschlage den ganzen Argumentationsgang bis nur mehr einzelne Gedankensplitter übrig bleiben! Also eine Umkehrung dessen, was ich mit meinem Weblog intendiere: Nicht zuerst Gedankensplitter produzieren, die dann als Baumaterial für theoretische Überlegungen dienen können, sondern umgekehrt: Einen Text zerhacken, damit die zugrunde liegenden Gedankensplitter zum Vorschein kommen.
Allerdings sind die nun folgenden 10 ANT-Splitter natürlich mit extremer Vorsicht zu genießen,
weil sie zu ihrem Verständnis die Texte zu den 5 Unbestimmtheiten
voraussetzen. Die Grafiken ANT und Macht sowie Mittler, Mediator stammen von Marianne Ullmann, Text und Pfeile der Folie Theorie und Methode von mir)
Kobooko: Bücher erzählen ihre Geschichte
Ich versuche weiter „Anwendungsfälle“ zur ANT-Theorie zu suchen oder Transferideen zu erproben etc. Latour rät davon ab - ich weiß - oder er verbreitet zumindest keine große Hoffnung im Sinne einer klassichen Anwendung der Theorie (siehe das Zwischenspiel). Zu früh aufgeben gilt aber nicht.
Heute habe ich ein tolles Beispiel bei Helge Staetler gefunden, eine „Erfindung“, die gut (wie ich meine) zu den ANT-Kriterien passt. Im Latourtext selber wurden die neuen TECHNOLOGIEN angesprochen, die helfen können, „Spuren“ nachzuzeichnen. Helges Beispiel greift die neuen Technologien auf und verbindet diese mit der japanischen Kobooko Methode. Also, das Beispiel von Helge findet sich hier: http://www.ifeb.uni-bremen.de/wordpress_staedtler/wp-upload/Kobooko_v3_web.pdf (unbedingt durchlesen!)
Warum passt Helges Erfindung „Bücher erzählen ihre Geschichten“ nun zu Latour?
"1. Entstehungsstätten besuchen: Der Besuch von Entstehungsstätten beschränkt sich nicht auf Labors, wie es Latour in Laboratory Life vorgezeigt hat. Eine der Vorteile zeitgenössischer Wissenschaft und Technologie ist es, dass wir überall, sozusagen auf Schritt und Tritt, auf Handlungsverläufe, d.h. auf Bewegungen und Prozesse stoßen, wo wir die Entstehung der Tatsachen mitverfolgen können.
2. Wie bei den anderen Unbestimmtheiten stellt Latour eine Liste von 4 Forschungsstrategien zusammen, wie der Prozess des Versammelns (der Assoziation) verfolgt werden kann. Zum Unterschied von den anderen beiden Unbestimmtheiten (Gruppen und menschlichen Handlungsträgern) können nicht selbst reden. Daher müssen spezifische Tricks erfunden werden, damit Dinge in die Lage versetzt werden Beschreibungen ihrer selbst (=Skripte) anbieten."
Mit der Anwendung von Helges Erfindung würde sich auch der Berichts-TYP!!! ändern: von meinem Erstversuch einer subjektiven Beschreibung einer Szene (siehe riskante Berichte) zu einem Skript, indem Akteure, Aktanten, Mittler und Zwischenglieder dislokale Handlungesstränge - hier aus der Perspektive des Buches - „abbilden“ und verdichten.
Frank
Danke für den Hammerschlag.
Beim letzten Kapitel vor Weihnachten kann und will ich mich kurz halten. Nicht nur weil mich eine Grippe behindert, sondern weil der Text für sich alleine nicht gut referiert werden kann. Er fasst einerseits einige Punkte aus dem ersten Teil – der Entfaltung der Kontroversen und der 5 Quellen der Unbestimmtheit – zusammen, andererseits bereitet er auf den zweiten Teil – der Sichtbarmachung von Assoziationen – vor.
Latour stellt in diesem Kapitel Betrachtungen an, warum die Sichtweise der "Soziologie des Sozialen" letztlich erfolglos bleibt. Seiner Meinung liegt es vor allem darum, dass drei Aufgaben der Soziologie, die sukszessive – also eine nach der anderen – zu lösen sind, miteinander verwechselt werden:
Entweder gibt es eine Gesellschaft, oder es gibt eine Soziologie. … Es gibt keine Möglichkeit, die Sozialtheorie zu erneuern, solange … der unselige Gesellschaftsbegriff nicht vollständig aufgelöst ist. (282 und 283)
Latour beschreibt als ein Grunddilemma der Sozialwissenschaften das ständige Oszillieren zwischen den Stätten der lokalen Interaktion (das Soziale Nr. 3) und dem globalen Kontext (das Soziale Nr. 2). Ist das System dominant oder sind es die Handlungen der Akteure, auf die es wesentlich ankommt? Die lokalen Interaktionen finden bereits unter bestimmten Rahmenbedingungen statt und können daher nicht alle Motive und Handlungen der Akteure erklären. Umgekehrt ist der globale Kontext zu allgemein um daraus die konkreten Interaktionen der Beteiligten ableiten und determinieren zu können.
Dieses Mikro-Makro Problem ist tatsächlich in der Soziologie ein immer wiederkehrendes Generalthema (vgl. z.B. Smelser, Neil J. und Richard Munch. 1987. The Micro-Macro Link. University of California Press. )
Viele sozialwissenschaftliche Theorien versuchen diese beiden Pole mit einem Kompromiss zu vereinen. 3 prominente Beispiele, die Latour erwähnt, sind:
Auch die Akteur-Netzwerk Theorie könnten solch einen Kompromiss zwischen lokaler Interaktion und globalen Kontext anbieten; ja solch eine "lauwarme" Vereinbarkeit steckt ja praktisch schon in dem mit Bindestrich verbundenen Namen. Nach Latour kann aber dieser double bind nicht aufgelöst werden, weil es eben zwei verschiedene Pole sind, wo der eine ohne dem anderen nicht auskommen kann. Es gibt keinen Nordpol ohne einen Südpol und umgekehrt.
Statt diese beiden Gegensätze als Problem zu behandeln und einen faulen Kompromiss anzustreben, schlägt ANT vor, diese beiden Pole als Gegenstand der Untersuchung ernst zu nehmen: "Unsere Lösung lautet also: die Unmöglichkeit ernst nehmen, an einem der beiden Orte länger zu verweilen." (295)
Wenn es keine Möglichkeit gibt, an einem der beiden Orte zu bleiben, so bedeutet das ganz einfach, daß diese Orte unerreichbar sind – entweder weil sie überhaupt nicht existieren oder weil sie existieren, aber nicht mit dem von der Soziologie angebotenen Fahrzeug erreicht werden können.
Weder lokale Interaktion noch globaler Kontext, sondern statt dessen müssen neue Wege gefunden werden. Wie das genau vor sich geht? Darauf geht der 2. Teil des Buches näher ein, den ich im nächsten Jahr auf diesen Seiten darstellen und zur Diskussion stellen werde.
Ich möchte auch gerne die Weihnachtspause nützen, um einige offene Enden unserer Diskussion aufzunehmen. Ich hoffe sehr, dass ich Zeit finde werde, einiges von der in den Kommentaren angesprochenen Literatur zu lesen. Insbesondere möchte ich auf die von Latour immer wieder verwiesenen Werke "Wir sind nie modern gewesen" und "Die Hoffnung der Pandora" endlich lesen, weil ich vermute, dass sie zum Verständnis des hier diskutierten Buches äußerst relevant sind. Falls mir dies (zeitlich) gelingt, so werde ich versuchen deren Inhalte, soweit sie relevant sind, ebenfalls hier kurz zu referieren.
Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt! Ursprünglich hatte ich ja vorgehabt einige Bücher von Latour zu lesen. Aber außer Laboratory Life (mit Kindle Reader) und einige Seiten von Science in Action konnte ich meine weihnachtlichen Vorsätze (wie immer) nicht einhalten. Dazu kam noch, dass während der Weihnachtsfeiertage eine ganze Reihe unaufschiebbarer Termine und Verpflichtungen für Jänner hinzukamen, die es mir auch nicht mehr erlaubten, meinen straffen Zeitplan für das Projekt "Gemeinsam Latour Lesen" einzuhalten. Das ist auch der Grund, warum ich erst jetzt – eine Woche verspätet – das Kapitel "Das Globale lokalisieren" bearbeite und ich auch nicht die Woche darauf, sondern erst wieder in 14 Tagen die Literaturreise mit "Das Lokale neu verteilen" fortsetzen kann.
Wir haben bereits im vorigen Kapitel gesehen, dass Latour das Grunddilemma der Sozialwissenschaften - nämlich das ständige Oszillieren zwischen den Stätten der lokalen Interaktion (das Soziale Nr. 3) und dem globalen Kontext (das Soziale Nr. 2) als eine falsch gestellte Aufgabe, eine Fangfrage, ansieht. Weder ist das System für sich alleine dominant noch sind bloß die Handlungen der Akteure entscheidend. In den kommenden Abschnitten versucht Latour seine Lösung (oder besser: Nicht-Lösung) des Dilemmas darzustellen.
Seine wesentliche Idee dabei ist es zu fragen: Wo werden die strukturellen Effekte tatsächlich produziert? Und dann der Herstellung von Verbindungen folgen, die die Akteure in diesen Produktionsstätten wie Labor, Büro, Armee-Kommandozentrale, Klassenzimmer, Sprechzimmer des Arztes, Handelsraum der Wall Street etc. knüpfen. Jede strukturelle Bedingung muss nach Latour kompromisslos auf ihre lokalen Produktionsbedingungen zurück bezogen werden.
Nicht auf den Kapitalismus fixiert sein, aber auch nicht am Bildschirm des Handelsraums kleben bleiben: sondern den Verbindungen folgen, "den Akteuren folgen". (308)
Die Makro-Ebene beschreibt nicht mehr eine umfassendere oder ausgedehntere Stätte/Ebene sondern ist ebenfalls ein lokalisierbarer Ort. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie deswegen scheinbar "darüber" liegt, weil ihre Zahl der Verbindungen größer und die Verknüpfungen daher dichter sind. Die Makro-Ebene ist also kein übergeordneter Rahmen, wo das Mikro – wie eine russische Puppe – eingebettet ist, sondern ist genauso ein lokalisierbarer Ort, wie alle anderen Produktionsstätten.
Latour bringt eine Reihe von plausiblen Gründen, warum diese "Klammer", wie er das nennt, wichtig ist:
Olig bezeichnet: wenig, gering, arm an…, z.B. eine Oligarchie ist die Herrschaft einer kleinen Gruppe. Oligoptiken sind demnach schmale Ansichten eines (verbundenen) Ganzen.
Pan bezeichnet: all, ganz, gesamt, völlig, z.B. Pantheismus Allgottlehre, Lehre, in der Gott und Welt identisch ist. Panoptiken sind demnach umfassende Ansichten, die einen völligen Einblick ermöglichen.
Latour verwendet den Ausdruck "Oligoptikum" um seine – von der traditionellen Soziologie – unterschiedliche Sichtweise zu verdeutlichen.
Oligoptiken sind schmale Ansichten eines (verbundenen) Ganzen, die zwar wenig sehen, das aber sehr gut. Latour stellt diesen Begriff der Allmachtsfantasie des Panoptikums, wie es Foucault in Überwachen und Strafen beschreibt (vgl. dazu auch den Bloeintrag Latour’s Oligopticon and Foucault’s Panopticon aber vor allem den Wikipediabeitrag dazu): Darin beschreibt Foucault einen Gefängnisturm, wo alle Zellen zum rund geformten Innenhof einsichtig sind und ein zentral positionierter Wächter jederzeit in alle Gefängniszellen Einblick hat.
Latour ist sich bewusst, dass das Streben nach einer ganzheitlicher Sichtweise, nach dem Verstehen von Zusammenhängen nicht nur sinnvoll sondern auch notwendig ist. Allerdings betont er, dass die Wahl einer Größenordnung, das Zoomen nicht mit Verbundenheit zu verwechseln ist. Ein großes zusammenhängendes Bild zu erzeugen, ein Panorama mit einer 360 Grad Ansicht zu konstruieren, ist zwar wichtig, aber nicht mit einem Panoptikum zu verwechseln. Es ist nämlich nichts anderes als ein Bild, das eine Projektionsfläche braucht. Genau deshalb sind wieder die bereits bekannten Fragen nach der Lokalität erlaubt und sinnvoll: Wo wird das Panorama gezeigt? Durch welche Hilfsmittel wird es projiziert? An welches Publikum ist es adressiert? (323)
Das Panoramabild darf nicht mit der Realität verwechselt werden: Es bietet eine Gelegenheit Zusammenhänge zu studieren, den Fokus von den einzelnen Akteuren (Ameisen) auf das Netzwerk (den Spuren und Fährten) zu legen. Der Zusammenhang zwischen Ameisen und Spuren/Fährten darf aber niemals abgerissen werden. Es gibt keine Ameisenspuren ohne Ameisen, die Verabsolutierung des Kontexts führt in das Nirwana.
Neben der bisher bereits ausführlich beschriebenen Regel "Alles langsam machen!" und beim Transport, Bewegung etc. die vollen Kosten zahlen, kommt nun noch als weitere Forderung hinzu: Keine Abkürzungen nehmen und vor allem nicht (vom Lokalen zum Globalen und vice versa) springen!
Im vorigen Abschnitt wurde Globales lokalisiert, d.h. entmystifiziert, mit "Fleisch" unterlegt: Es wurde nach dem Ort gefragt, wo das Finanzkapital in die Krise schlittert bzw. sie verursacht (z.B. in den Büros der Wallstreet), der Irak-Krieg ausgelöst bzw. entfacht wurde (z.B. in den Kommandozentralen der US Army). Statt das Globale, das Strukturelle, das Totale amorph und abstrakt voraus zusetzen, ging es einerseits darum die vielen lokalen Stätten aufzusuchen an denen Struktur- und Kontexteffekte transportiert werden und andererseits deren zirkulierende Transportmittel (z.B. Dokumente der Bonitätseinschätzungen, Urkunden der Befehlsübermittlungen) nach zu verfolgen.
Im zweiten Schritt jetzt geht es darum, auch nicht das Lokale einfach so hinzunehmen, sondern – wie beim Globalen – hinein zu zoomen und zu entfalten. Nachdem der Kontext lokalisiert wurde (d.h. die geeigneten Orte für die Untersuchung gefunden und betreten wurden), interessiert nun nicht mehr das Wo sondern das Wie. Wie wird das Lokale hervorgebracht? Es geht dabei um die Rückverfolgbarkeit (Traceability) der lokalen Interaktionen.
Der Knackpunkt für das Verständnis dieses zweiten Schritts besteht darin, dass in jeder lokalen Interaktion nicht nur der jeweilige Ort präsent ist, sondern auch andere Orte, nicht nur die (Jetzt-)Zeit der lokalen Interaktion wirkt (Gegenwart), sondern auch andere Zeiten (Vergangenheit und Zukunft) das Geschehen beeinflussen. Das "didaktische" Beispiel, das Latour anführt, ist eine Vorlesung an einer Universität, die in einem Hörsaal stattfindet, der zu einem früheren Zeitpunkt an einem anderen Ort geplant wurde, dessen Ausstattung aus Material von anderen Orten aus anderen Zeiten "bevölkert" ist und wo die gerade stattfindende lokale Interaktion als Vorbereitung für die in der Zukunft liegende Abschlussprüfung dient.
Sowohl das architektonische Grundgerüst als auch die Ausstattung des Hörsaals ist nicht einfach nur "da", sondern übernimmt bestimmte Funktionen im Gesamtarrangement, die jedoch nicht eindeutig sind, modifiziert bzw. "übersetzt" werden können. Tischbänke können nicht nur verstellt sondern auch anderes benutzt werden (z.B. als Raumtrenner).
… was mit dem Ausdruck "lokale Interaktion" bezeichnet wurde, ist die Versammlung all der anderen lokalen Interaktionen, die woanders in Zeit und Raum verteilt und dazu gebracht worden sind, durch das Relais verschiedener nicht-menschlicher Akteure auf den Schauplatz einzuwirken. Diese transpor/tierte Präsenz von Orten an andere Orte will ich als Artikulatoren oder Lokalisatoren bezeichnen. (334f.)
Artikulatoren oder Lokalisatoren antizipieren einen Aspekt des Skripts für eine Szene. Es ist nicht alles improvisiert, sondern das meiste für die Ausstattung einer (allgemeinen, bzw. generischen) Szene ist bereits an Ort und Stelle vorhanden.
Artikulatoren bzw. Lokalisatoren sind nicht nur Bestandteile einer Szene, sondern sie "rahmen" sie auch, geben ihr einen Kontext, sind strukturierende Schablonen, die gewisse Aspekte einer Handlung anregen (aber nicht determinieren), begünstigen (aber nicht verursachen).
Damit werden aber die "Transportmittel" in den Vordergrund gerückt, d.h. die Bewegungen, Zirkulationen, Verlagerungen bzw. Überlagerungen zwischen Orten und nicht so sehr die Orte selbst.
"Orte eignen sich nicht gut als Ausgangspunkt, weil jeder von ihnen durch andere Orte gerahmt und lokalisiert wird … Die Zirkulation kommt zuerst, die Landschaft, in der Agenten und Formatierungsschablonen aller Art zirkulieren, ist sekundär. " (338)
Es sind 5 Aspekte, die zeigen, warum lokale Interaktionen gerade nicht "lokal", d.h. begrenzt sind.
Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass der Vorstellung einer lokalen Interaktion genauso wenig korrekt ist, wie die einer globalen Struktur.
Wenn man das von außen Kommende als Mittler begreift, die eine Gelegenheit für den nächsten Agenten bieten, sich als Mittler zu verhalten, ändert sich vielleicht ein für allemal der ganze Schauplatz von Innen- und Außenwelt. Noch immer hält die Puppenspielerin viele Fäden in ihren Händen, doch jeder ihrer Finger wartet nur darauf, sich auf eine von der Marionette angezeigt Weise zu bewegen. Je mehr Fäden die Marionetten haben dürfen, dest artikulierter werden sie. (373)
Latour verwendet das Metapher von Plug-Ins (Add-Ons), also Zusätzen, die bei Bedarf herunter geladen werden können und damit die vorhandene Software-Ausstattung ergänzen. Der Widerspruch zwischen generischen Akteuren und individualisierten HandlungsteilnehmerInnen, der sich in der "Kluft der Ausführung" darstellt, lässt sich durch den jeweiligen Rückgriff auf die entsprechenden Ressourcen ignorieren (aber nicht: aufheben, überwinden, auflösen!).
Für Latour ist es wichtig, dass nicht zwischen den beiden Extremen gependelt wird, also zwischen lokal/global, Akteur/System oszilliert wird, sondern dass die jeweilige Ausrüstung schichtenweise sukzessive verbessert bzw. versammelt wird. Wie Plug-ins können Kompetezten abonniert, herunter geladen und lokal installiert werden.
Diese Kompetenzen, die von außen angereichert werden, ersetzen jetzt aber nicht den Widerspruch lokal/global bzw. Akteur/System durch Außen/Innen bzw. Extern/Intern, vielmehr ist "Verinnerlichung" als graduelle Ausbreitung von äußeren Angeboten zu verstehen.
Hilfreich für diese Sichtweise ist die von Latour früher schon einmal erwähnte Metapher der Marionetten:
Natürlich sind Marionetten gebunden! Doch die Konsequenz besteht gewiß nicht darin, daß man zu ihrer Emanzipation alle Fäden abschneidet. Der einzige Weg für den Puppenspieler, die Puppen zu befreien, besteht darin, ein guter Puppenspieler zu sein. (372)
Unter diese Sichtweise kann der Ausdruck "Akteur-Netzwerk" auch fäschlicherweise als Lösung des Akteur/Systems-Dilemma aufgefasst werden. Statt aber einen neuen Ausdruck zu prägen, will Latour mit dieser möglichen Verwechslung leben, weil sich die Begrifflichkeit inzwischen durchgesetzt hat.
Statt also eine Lösung der Gegensätze Indviduum/Gesellschaft, Handlung/System, Innen/Außen etc anzubieten, schlägt Latour vor diese Pole zu ignorieren und durch ständige Lokalisierung des Globalen und Verteilung des Lokalen ihre Gegensätzlich zu minimieren. Alles muss flach gehalten werden:
Statt das Augenmerk auf die Konzepte von "Kontext" oder "Interaktion" zu legen muss der Fokus auf die Konnektoren, Verknüpfungen und Verbindungen gelegt werden.
| « | February 2012 | » | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Mo | Tu | We | Th | Fr | Sa | Su |
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | ||
| 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 |
| 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 |
| 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 |
| 27 | 28 | 29 | ||||

Falls jemand delicious benutzt: Ich schlage vor den hashtag #gll auch dort zu benutzen.