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Pattern: Strukturerhaltende Transformationen II
Ich setze hier meine Kritik zur Rezeption des Pattern-Ansatzes von Christopher Alexander fort. Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier mir in erster Linie (noch) gar nicht darum, zu prüfen inwieweit Alexander mit seinen Ideen zuzustimmen wäre. Das wäre zweite – einer der korrekten Rezeption folgende, von ihr abgeleitete – Fragestellung. Ich möchte in erster Linie mal nachweisen, dass das Verständnis der Pattern Community zu den Ideen von Christopher Alexander, auf den sie sich ja bewusst und ständig bezieht, im besten Fall rudimentär bzw. ungenügend, wenn nicht überhaupt falsch sind.
- Emergenz: Der Frage, was Emergenz in einem bestimmten Anwendungsfall heißt,
wird zu wenig Beachtung geschenkt. Ich selbst habe mich zwar durchaus
mit Emergenz beschäftigt, habe sie aber nicht von "oben" augehend von
der "Wholeness" gedacht, sondern als neu auftauchendes Phänomen der
Konfiguration bzw. Struktur der Elemente bloß der unteren Ebene. (Im
übrigen bringt Alexander hier das schöne Beispiel des Doppelspaltexperiments aus der Physik, wonach in seiner – den Arbeiten von David Bohm folgenden – Interpretation die Konfiguration des gesamten experimentiellen Aufbaus das Verhalten der einzelnen Elektronen bestimmt.)
- Struktureigenschaften/Transformationsregeln: Die neueren Arbeiten, die Alexander 20 Jahre nach dem vielfach zitierten Werken "The Timeless Way of Building" und "A Pattern Language" geschrieben hat, fanden bisher kaum Beachtung. Der darin dargestellte Versuch der philosophischen Begründung wirft ein anderes Licht auf den Musteransatz als dies bisher der Fall ist. Die im 4 bändigen Werk "The Nature of Order" diskutierten 15 Struktureigenschaften, die gleichzeitig auch Regeln für strukturerhaltende (d.h. die "Wholeness" erhaltende) Transformationen darstellen, ermöglichen einen anderen – aus meiner Sicht – tieferen Zugang zu den Ideen von Alexander.
3. Geometrie und Raum
Ich habe die Vermutung, dass die 15 Struktureigenschaften von Alexander vor allem deshalb ignoriert werden, weil sie für viele Fachgebiete nicht so einfach umzusetzen bzw. anzuwenden sind. Sie beziehen sich ja alle auf geometrische, räumliche Strukturen, auf Formaspekte. Wie sollen aber z.B. die Strukturmoment "The Void", "positive Space" (Leere/Freiraum bzw. positiver Zwischenraum in der Übersetzung von Helmut) für die Konstruktion von Mustern z.B. in der Pädagogik nutzbar gemacht werden?
Die Pattern Community scheint nach folgendem Motto vorzugehen: "Muster sind praktisch und haben sich vielfach bewährt. Der philosophische Klim-bim ist nicht so wichtig und z.T. sowie unverständlich. Basteln wir also weiter an unseren Mustern." Fazit: Was wir nicht verstehen oder gebrauchen können, das ignorieren wir.
Damit ich nicht missverstanden werde: Ich bin durchaus dafür nicht an den Worten "großer Meister" zu kleben, die Arbeiten wichtiger Persönlichkeiten weiter zu entwickeln, nicht jedes Wort auf die Goldschale zu legen usw. usf. Aber sollte das nicht erst nach einer kritisch reflektieren Diskussion erfolgen? Sollte nicht zuerst der Zusammenhang dargestellt werden und dann überlegt werden, ob diese Ideen umgesetzt werden können? Und wenn nicht, warum sie nicht umgesetzt werden können?
Aus meiner Sicht sind die 15 Eigenschaften und Transformationsregeln nicht einfach weg zu wischen. Sie stellen für Alexander nicht nur ein paar rudimentäre Ideen, perhiphere Aspekte dar, sondern sind wesentliche Momente seiner Theorie, seiner philosophischen Weltsicht. Nicht umsonst heißt es ganz allgemein "The Nature of Order" (Das Wesen der Ordnung) und dann im Untertitel: "An Essay on the Art of Building and The Nature of the Universe." Alexander ist der Auffassung, dass seine 15 Eigenschaften bzw. Regeln in allen möglichen Naturerscheinungen bzw. Naturprozessen vorkommen und er bringt dazu -zig Beispiele auf hunderte von Seiten aus den verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen.
Wie gesagt: Ich glaube, dass seine grundlegende philosophische Basis vor allem wegen den Schwierigkeiten ihrer Übersetzung/Umsetzung ignoriert wird. Ich persönlich z.B. hatte (und habe) ständig Probleme mit meinem Alltagsverständnis von Geometrie, die ich als die Lehre von den räumlichen Eigenschaften eines Gegenstandes betrachte. Doch Geometrie als Formenlehre kann auch allgemeiner als Lehre von den Strukturen verstanden werden. Alexander verwendet auch häufig den Begriff der "Form" bzw. auch den Begriff der Morphologie (= die Lehre von den Formen).
Ich glaube daher, dass wir "räumliche Aspekte" durch Aspekte der Form oder auch Aspekte der Struktur übersetzen können. Das heißt, dass es darum geht in den jeweiligen Fachgebieten nach Strukturen zu suchen, die (a) wesentliche Elemente für die Ganzheitlichkeit des Musters bilden und (b) gleichzeitig auch Regeln für eine schrittweise Adaption (strukturerhaltende Tranformation) darstellen. Die von Alexander angeführten 15 Eigenschaften können dabei als Ausgangspunkt dienen, die für das jeweilige Fachgebiet "übersetzt" werden müssen.
Dabei kann sich zweierlei ergeben:
- Es kann sich zeigen, dass nicht alle 15 Eigenschaften gleichermaßen wichtig sind oder aber noch andere hinzu kommen müssen. Das wäre aber im Sinne der Alexander'schen Ideen eine (wünschbare) Weiterentwicklung seiner Theorie bzw. seines Ansatzes.
- Es zeigt sich, dass es keine sinnvolle Übersetzung gibt. Dann wäre natürlich zu fragen, in wie weit der Ansatz von Alexander überhaupt generell zutrifft. Ist es nur ein brauchbarer Ansatz für die Architektur? Oder – wenn der Ansatz an sich fehlerhaft ist – ist er vielleicht auch für die Architektur unbrauchbar? (Ich kenne mich zuwenig aus in der Architektur, habe aber gehört, dass Alexander in der Architekturcommunity durchaus nicht unumstritten ist.)
Ich habe in einem Beitrag zu zeigen versucht, dass eine Übersetzung der Alexander'schen Struktureigenschaften in der Pädagogik durchaus Sinn machen könnte. Ich bin mir da aber (a) noch unsicher, vor allem was den praktischen Gehalt solcher Übersetzungsleistungen angeht und (b) es fehlt vor allem bei vielen der 15 Eigenschaften noch eine ausführliche Diskussion wie eine solche "Übersetzung" aussehen könnte. Ich bin generell davon ausgegangen, dass es ein Zeit-Raumkontinuum gibt, dass also auch zeitliche Formen/Strukturen in die Überlegungen einbezogen werden können. Tatsächlich - und darauf weist auch schon Helmut Leitner in seinem Kommentar zu Mustertheorie: eine Buchrezension hin – gibt es in der Didaktik Diskussionen, die auf prozessuale Aspekte des Unterrichts und damit auf Verlaufsformen, Dramaturgie, Choreographie etc, Bezug nehmen. – Das müsste aber noch näher ausgearbeitet werden: Sind alle räumlichen Aspekte in zeitliche Aspekte zu übersetzen? Oder sind nicht auch räumliche – und vor allem soziale! – Formen ebenfalls zu berücksichtigen? Wie können die 15 Struktureigenschaften in soziale Aspekte umgesetzt werden????
4. Mathematik
Alexander versucht seinen Ideen auch eine objektive, sogar mathematische Fundierung zu geben ("objektiven Lebendigkeit"). Das wird von vielen Leuten aus der Pattern Community mit Naserümpfen – sozusagen als eine Verirrung – betrachtet. So schreibt z.B. Helmut Leitner in seinem Kommentar:
Sicher ist jedenfalls, dass Alexander niemals meint, dass man einen Lebendigkeitsgrad numerisch würde angeben können. Dort wo er als Mathematiker Versuche dazu unternommen hat, ist er gescheitert und er dokumentiert auch dieses Scheitern.
Ich sehe das nicht so eindeutig: Ich glaube, dass wir uns dieser Frage nach Objektivität und mathematischer Erfassbarkeit durchaus stellen müssen. Ich sehe darin auch nichts Abartiges, sozusagen eine Verfehlung. Helmut Leitner erwähnt, dass er mit Nikos Salingaros (siehe auch Nikos Salingaros in Wikipedia) in Diskussion steht. Salingaros Arbeiten zur mathematischen Behandlung von Lebendigkeits bei Gebäuden wird im Anhang zum 1. Band von "The Nature of Order" positiv dargestellt. Es wird zwar von Alexander zugegeben, dass noch einiges zu tun ist, und dass das Maß der von Salingaros entwickelten Ganzheitlichkeit bei Gebäauden noch rudimentär ist, dass aber die Ergebnisse bereits sehr gut sind und auf jeden Fall der eingeschlagene Weg korrekt ist. Von Scheitern also keine Spur.
Ich gebe zu, dass es für viele Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen nicht leicht zu verdauen ist, wenn versucht wird, Lebensprozesse mathematisch zu erfassen. Aber was ist das Problem dabei? Kommt darin nicht nur das (eigene) Vorurteil zur mathematischen Behandlung von Problemen und Prozessen zum Ausdruck?
Die Frage ob sich die Lebendigkeit "objektiv" (d.h. intersubjektiv) feststellen lässt, ist im Theoriegebäude von Alexander zentral. Wenn nämlich diese Aussage nicht zutrifft, dann brechen viele der Annahmen von Alexander zusammen, dann gibt es vor allem keinen Zusammenhang mehr mit "objektiven" Naturgesetzen. Dann ist alles zurück geworfen auf subjektives ästhetisches Empfinden.
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Lieber Peter,
noch ein paar letzte Kommentare vor der Forschungswerkstatt.
Mathematik:
Lebendigkeitsgrade können vielleicht mathematisch beschrieben, aber nicht berechnet werden. Eine einfache mathematische Beschreibung ist die Angabe eines Lebendigkeitsgrads. Alexander geht davon aus, dass sich die Lebendigkeit einer Ganzheit durch einen einzelnen Wert ausdrücken lässt, der entweder empirisch (durch Paarvergleiche – wobei diese bei ihm unsauber sind) oder mathematisch ermittelt werden kann. Zur mathematischen Berechnung müsse man nur die Regeln kennen. Einmal davon abgesehen, dass Alexander nicht eine einzige vorschlägt, lehrt uns die Komplexitätstheorie, dass bereits bei wenigen Regeln und der Kenntnis dieser eine Vorhersagbarkeit bzw. Berechenbarkeit nicht gegeben sein muss. Aufgrund der riesigen Zahl von Abhängigkeiten bereits in einfachen Skizzen halte ich den Lebendigkeitsgrad für unberechenbar selbst wenn wir die Regeln kennen würden. Zudem lassen sich auf Grundlage eindeutiger geometrischer Strukturen zwar Rechenregeln festlegen, doch lässt sich auch die daraus resultierende Bedeutung mathematisch angeben? Als Informatiker weiß ich, dass sich zwar Algorithmen formalisieren und beweisen lassen, aber die Bedeutung (und Ästhetik) der Algorithmen ist nicht formalisierbar.
Bleibt also nur die empirische Methode. Am Beispiel der Volksmusik wird für mich klar, dass es keine objektive Lebendigkeit gibt, denn hier gehen die Empfindungen weit auseinander. Man kann doch keiner Gruppe sagen, dass sie falsch empfindet. Man kann niemanden dazu zwingen, ein „Hoch auf dem gelben Wagen“ als lebendig zu empfinden, man kann dies auch niemanden verwehren.
Du merkst ganz richtig an, dass die objektive bzw. intersubjektive Lebendigkeit zentral für Alexanders Theoriegebäude ist. Es gibt aber einige Beispiele in seinen Büchern, wo ich diese Lebendigkeit auch nach intensiver Einwirkung nicht empfinde. Was soll ich nun tun? Zum einen soll die „objektive“ Lebendigkeit von innen heraus empfunden werden, zum anderen ist meine von Alexander abweichende Empfindung falsch. Ich gehe daher weiter davon aus, dass das Lebendigkeitsempfinden vom betrachtendem Subjekt abhängt. Das Objektive eines Objekts muss dagegen die verschiedenen Beziehungen zu Subjekten umfassen und hier kann es je nach Objekt unterschiedlich starke Übereinstimmungen geben. Mit anderen Worten: ich habe starke Zweifel an der Objektivitätsauffassung von Alexander und daher bin ich was diesen Bereich von Alexanders Theoriegebäude angeht zurückhaltend.
Das Nicht-Beachten der Lebendigkeitseigenschaften
Ich kann natürlich nicht für die Pattern Community an sich sprechen, aber ich denke, dass hier ähnliche Vorbehalte existieren. Allerdings gilt dies nicht für alle - tatsächlich gibt es in der Community inzwischen verschiedene Versuche, die 15 Eigenschaften einzubeziehen, auf den PLoPs sind die neueren Werke durchaus Diskussionsthema, wenn auch nicht in der Breite. Die Pattern Community bezieht sich zwar ausdrücklich auf Alexander, aber eben zur Zeit in der Breite nur auf die älteren Werke, deren Ansätze in der Community weiterentwickelt worden sind. Alexander hat seinen Ansatz ebenfalls weiterentwickelt, aber teils in eine andere Richtung. Ob sich eine zwingende Auseinandersetzung mit der alternativen Sichtweise ergibt weiß ich nicht. Ich finde sie spannend, sehe aber andererseits auch dringendere Fragen, z.B. wie man Muster passender Granularität und Abstraktion findet.
Übersetzung der Eigenschaften in andere Bereiche
Was die 15 Eigenschaften angeht, so lassen sich diese zudem sehr schwer auf nicht-geometrische Anwendungsfelder übertragen. Für die Architektur haben diese Eigenschaften offensichtliche Bedeutung. Ob sie als fundamentale Lebendigkeitseigenschaften anzusehen sind ist eine offene Frage, aber die Existenz der Eigenschaften kann man in der Architektur deutlich sehen. Ich kritisiere am ehesten, dass es durchaus auch andere sinnvolle Eigenschaften geben kann. Zudem haben die 15 Eigenschaften sehr unterschiedlichen Charakter. Bei der Übertragung auf andere Felder sehe ich die Gefahr, dass einige der Eigenschaften nicht mehr als Metaphern sind. Für die Pädagogik würde mir als Analogie zu „Void“ z.B. „Pause“ einfallen. Im Bereich der Softwareentwicklung fällt mir aber einfach kein Äquivalent ein, ohne dass ich etwas herbeidichte. Trotzdem werde ich versuchen, in die Forschungswerkstatt Analogien für alle 15 Eigenschaften einbringen – da kribbelt es schon ;-)
Geometrie und Raum
Mustertheorie ist in jedem Fall eine Form- und Raumlehre. Der Unterschied zwischen Architekturräumen, Lernräumen, sozialen Räumen, Bedeutungsräumen liegt jedoch in der Möglichkeit einer eindeutigen Abbildung. In der Architektur gibt es eine natürliche Abbildung geometrischer Strukturen (oder zumindest klare Konventionen). Selbst bei einer formalen Notation wie der Unified Modelling Language, die u.a. für Klassendiagramme beim Softwareentwurf eingesetzt wird, gibt es dagegen verschiedene geometrische Konfigurationen, die semantisch absolut dasselbe bedeuten. Mit anderen Worten: es ist möglich, für dasselbe Design eine Strukturdarstellung mit oder ohne „Roughness“, „Void“, „Deep Interlock & Ambiguity“ zu wählen. Richard Gabriel hat einmal angemerkt, dass die Geometrie der SW-Entwicklung der Code ist. Trotzdem denke ich, dass einige der 15 Eigenschaften nur bei bestimmter Visualisierung auftreten. Didaktische Formen besitzen selbstverständlich auch eine bestimmte Struktur, aber das Mapping in den geometrischen Raum ist nicht eindeutig festgelegt. Selbst für die Abbildungen der Architektur (oder der materiellen Welt) muss angemerkt werden, dass diese Abbildungen sinnvoll transformiert werden können, wobei die Lebendigkeitseigenschaften aber verloren gehen können. Ein Bild lässt sich z.B. in den Frequenzbereich abbilden; dadurch werden neue, interessante Eigenschaften freigelegt, die z.B. für die Komprimierung wichtig sind und etwas über den Informationsgehalt aussagen. Es handelt sich nach der Transformation immer noch um eine Abbildung des gleichen Gegenstands, die Lebendigkeitseigenschaften sind aber nicht mehr beobachtbar.
Beste Grüße und bis morgen,
Christian
Peter, ich stimme mit fast allem, was du auf dieser Seite schreibst, überein. Bei der Mathematik nicht, aber da habe ich auch den Fehler gemacht, mich zu kurz auszudrücken. Was ich gemeint habe, ist, dass es nicht möglich sein kann, einem Objekt oder System einen Lebendigkeitswert (z. B. 17.5) zuzuordnen. Einerseits gibt es keine Skala dafür, andererseits muss Lebendigkeit immer vom Zustand abhängen. Ein Marktplatz hat keine statische Lebendigkeit, um Mitternacht ist sie anders als bei Hochbetrieb. Man könnte über ein fiktives Lebendigkeitspotenzial reden, aber dann müsste man eine fiktive Menschenmenge simulieren können. Die Schwierigkeiten sind unermesslich und es scheint mir unerheblich, ob man an die prinzipielle Möglichkeit einer mathematischen Lebendigkeitsberechnung glaubt oder nicht. Ich bin da eher bei Christian.
Was die Abstraktion von Eigenschaften und anderen Alexanderschen Konzepten betriftt, könnten die nachfolgenden Folien aus einigen meiner Vorträge für euch vielleicht interessant sein. Sie bilden den Großteil der Alexanderschen Ideenwelt ab und haben sich als sehr praktisch herausgestellt. Die Eigenschaftsicons sind übrigens mit Nikos Salingaros akkordiert, er verwendet sie in seinen Vorlesungen unter dem Namen "Leitner diagrams". Mein Postulat ist, dass die 15 Eigenschaften - das ist vermutlich ein unerwarteter Paukenschlag, der heftige Diskussionen auslösen kann - Formkategorien sind, dass sie also unserem kognitiven Apparat angeboren sind und deswegen Resonanz auslösen.
http://www.mustertheorie.de/Properties_800.jpg
http://www.mustertheorie.de/Principles_800.gif
http://www.mustertheorie.de/Patterns_800.gif
http://www.mustertheorie.de/Universe_800.jpg
Die Begriffe sind ständig in Schwebe, weil sie nur Labels sein können, für eine hinter den Begriffen sichtbar werdende Bedeutung. Hoffe das Verweisen auf die Bilder klappt.
lg Helmut
Lieber Peter,
du sagst: „Sollte nicht zuerst der Zusammenhang dargestellt und dann überlegt werden, ob diese Ideen umgesetzt werden?“.
Was ist der Z u s a m m e n h a n g bei Alexander? Was ist der H i n t e r g r u n d für sein Denken? Ergibt sich der Hintergrund aus der Analyse der 15 Struktur- oder Lebendigkeitseigenschaften? Nach der Lektüre des kleinen Buches von Helmut Leitner (ich habe die 4 Bände von Alexander nicht gelesen) bin ich an mehreren Stellen auf Begriffe gestoßen, die mich an ein buddistisch-monistisch-holistisches Welt- und Menschenbild erinnern. Nun gibst du selber den Hinweis auf eine Verbindung von Alexander zu Bohm. David Bohm, selbst Quantenphysiker versucht (in späteren Jahren) den Brückenschlag zwischen Materie und Bewusstsein und formuliert seine Theorie der impliziten Ordnung, der ungeteilten Wirklichkeit.
Warum interessiert mich die Frage des Hintergrunds, bevor ich Alexander gelesen habe? Jeder Denker entfaltet seine Theorie vor einem Hintergrund, das ist quasi der Schlüssel zum Verständnis, zur Interpretation der verwendeten Begriffe. Vielleicht sollte man in einem ersten und grundlegenden Schritt klären, welches „Weltbild“ hinter der Sichtweise von Alexander steht, um von da aus die Frage der Muster erneut zu stellen. Man läuft sonst Gefahr, dass man ein Musterbegriff verwendet, der sehr eng an die persönliche Erfahrung (mechanistisch vs. Fernwirkung) gebunden ist.
Frank
P.S. Schön das ihr so eine intensive Diskussion bei der Forschungswerkstatt hattet!
Lieber Frank,
ich habe jetzt mit dem 4. Band von Alexander's TNoO angefangen "The Luminous Ground" - und da scheint es nun wirklich recht esoterisch bzw. mystisch zu werden. Allerdings schreckt mich das nicht besonders:
1.) Erstens kann ich mit einer Kritik am mechanistischen/dualistischem Weltbild durchaus leben bzw. trifft das durchaus meine Ansichten.
2.) Zweitens glaube ich, dass das Weltbild alleine kein verlässlicher Gradmesser für richtig/falsch ist. Auch Linke sagen viel Blödes und Rechte manch Interessantes, weiter Verfolgenswertes.
Da halte ich mich lieber an die Empirie: Lassen sich die Thesen von Alexander empirisch belegen? Aber auch die Frage ob sein Erklärungsmodell widerspruchsfrei(er) ist und/oder mehr erklären kann als andere Theoriemodelle halte ich für relevanter als die allgemeine Frage nach dem Weltbild.
Natürlich ist es nicht unwichtig für das Verständnis auch über das Weltbild bescheid zu wissen. Es lassen sich dadurch die Aussagen leichter einordnen, verstehen, interpretieren. Es hilft zum Verständnis der "Denke" der jeweiligen Person, zu verstehen wie sie "tickt" - sagt aber nichts über richtig oder falsch aus.
Soweit ich es jetzt sehe, ist Alexander klar antikapitalistisch und ökologisch ausgerichtet - und wie sich jetzt im 4. Band zunehmend auch zeigt – mit einigen New Age-Ansätzen konform. Seine Haltung zur Religion und Gott ist mir durch einige Passagen noch etwas unklar, obwohl ich bereits eine Neigung zum Zen-Buddhismus zu erkennen glaube.
Peter
Die Frage nach dem religiösen Weltbild Alexanders hätte ich auch gerne geklärt, obwohl sie meiner Meinung nach nicht essenziell ist - in einem Ausmaß, dass ich auf eine Einbeziehung dieser Thematik verzichtet habe (was einem Ausklammern von TNoO Band 4 gleichkommt).
Meine Email-Kontakt zu Alexander ist so "shaky", dass ich froh sein muss, hin und wieder ein Lebenszeichen zu bekommen. Jedoch hat mir Nikos Salingaros auf meine Frage dargelegt, dass Alexander, aus einem christlich-jüdischen Elternhaus stammend, sich als konfessionell ungebunden empfindet.
Meiner Meinung nach hat Band 4 folgende Botschaft: Wer sich intensiv mit der Wahrnehmung der Lebendigkeit beschäftigt, sensibilisiert sich zunehmend für die Grundeigenschaft des Universums, Leben hervorbringen zu können. In Konfigurationen besonderer Lebendigkeitsqualität (die Alexander besonders in zusätzluicher Kombination mit Farbklängen findet) scheint hier ein Tor zu eine mystischen Direkterfahrung des Göttlichen ("luminous ground") aufzugehen. Eine Möglichkeit, sich eins mit dem Lebendigen und Göttlichen zu fühlen, wie immer jemand es nennen möchte.
Ich glaube nicht, dass dies eine besondere Nahebeziehung zum Bhuddismus ausdrückt. Ich glaube auch nicht, dass dies in irgendeiner Form die sachlich-systemischen Aspekte der Mustertheorie befördert oder beschädigt.
lg Helmut
Die Strukturmomente 'The Void', 'positive space' lassen sich für mich durchaus in der Pädagogik wiederfinden. In der Kunst oder der Architektur seine 'Freiräume' Flächen, die sozial von den Betrachtern oder Nutzern aktiv konstruiert und ausgestaltet werden.
Peter, du hast selbst im Bericht von der Forschungswerkstatt von der Entwicklung in der Pause gesprochen, die in einem anderen Setting (stehende Runde) zu einer Weiterentwicklung führte.
Es gibt ganze Veranstaltungsdesigns, die auf der Leere basieren und sich die soziale Gestaltung durch die Teilnehmenden zu Nutze machen. Open Space, BarCamps oder Unkonferenzen sind Beispiele dafür.
Christian Spannagel berichtet in seinem Blog (http://cspannagel.wordpress.com/2009/04/25/neuronen-in-der-vorlesung/):
"Nach der Begrüßung habe ich zwei Kringel (MindMap-Mitten) an die Tafel gemalt, in denen stand: “Was ich an traditionellen Vorlesungen schlecht finde” und “Was WIR besser machen können”. Dann bin ich kommentarlos ein Stück im Saal nach oben gegangen, habe mich zwischen die Studenten gesetzt und gewartet. Ein wenig Gelächter. Stille. Nichts passierte. Nach einer gewissen Zeit bin ich (wieder kommentarlos) aufgestanden, demonstrativ nach vorne gegangen, habe mir die Kreide geschnappt, habe einen Punkt zur ersten MindMap hinzugefügt (”95% Redeanteil Dozent”) und habe mich wieder kommentarlos hingesetzt und gewartet. Es hat ein bisschen gedauert, aber schließlich hat sich eine Studentin getraut nach vorne zu gehen und auch etwas an die Tafel zu schreiben: “kaum Möglichkeit für Fragen”. Zwei, drei weitere sind gefolgt. Langsam aber sicher ist die Sache ins Rollen gekommen. Schließlich haben auch Studenten Dinge nach vorne gerufen, die diejenigen, die vorne standen, mit an die Tafel geschrieben haben. Diese Phase hatte die folgende Bedeutung: Die Studierenden sollten aus ihrer Passivität herauskommen; symbolisiert wurde dies durch das Aufstehen, Nachvornegehen und An-die-Tafel-Schreiben. ..."
Es ist durchaus ein bewährtes Element, das der Lehrende auf eine Rollenerwartung (Lehrer muss jetzt etwas tun) mit dem Unerwarteten Nichtstun reagiert und dadurch neues Handeln und häufig Reflexion auslöst.
Eine ähnliche Form ist die wenig strukturierte Aufgabenstellung bei der Schüler zuerst reflektieren sollen: Was wird von mir jetzt erwartet? Was habe ich jetzt eigentlich zu tun?
Eine weitere Form ist die erzwungene Zeitverzögerung zwischen zwei Testversuchen, die zur Reflexion und konzentrierten erneuten Vorbereitung führen soll.
Ralf
Nachdem ich an diesem Wochenende Helmut Leitners 'Mustertheorie' und diese Diskussion gelesen habe und das ganze mit etwas Gartenarbeit garniert habe, traue ich mich nun doch mich in die Debatte einzumischen ohne die Voraussetzung zu erfüllen 'Nature of Order' gelesen zu haben. Und - offen gestanden - weiß ich nicht, ob ich es mir antun soll.
Zunächst ein paar Fragen, die aus dem bisher Gelesenen entstanden sind:
Wir entwickelt Alexander eigentlich die 15 Eigenschaften? Welches Verfahren wendet er an, um sie abzuleiten aus seinen Erfahrungen?
Wenn ich es richtig sehe hat Alexander zuerst Patterns entwickelt, die offensichtlich durchaus als gültig und hilfreich angesehen werden. Da ich mal davon ausgehe, dass er den Überbau "Eigenschaften', 'Lebendigkeit' und 'Transformationen' im Pattern-Buch nicht absichtsvoll verschwiegen hat, sondern diese erst später entdeckt hat, ist es also offensichtlich durchaus legitim ohne Kenntnis und Durchdringung des Überbaus Patterns zu erarbeiten. Warum wird dann daraus der Pattern-Community ein Vorwurf gemacht?
Wie integriert Alexander in seinem 'Spätwerk' 'Nature of Order' eigentlich die Patterns erneut? Oder anders gefragt, was würde Alexander möglicherweise heute in einer Neufassung des Patternbuches mit der Kenntnis der Eigenschaften... anders schreiben?
Alexanders Reihenfolge war, dass er Pattern entdeckt, ein Beschreibungsverfahren und eine Validierung entwickelt und aus vielen beschriebenen Patterns Eigenschaften und mehr entwickelt. Zunächst stellt sich für mich die Frage, zu welchen Erkenntnissen der gleiche Weg in einem anderen Feld 'Pädagogik' statt 'Architektur' führt. Bestätigen sich darüber die Eigenschaften und Transformationen oder kommen wir zu Neuen? Wie müsste man dazu vorgehen?
Wozu führt andersherum der Rückweg wenn ich von den Eigenschaften und Transformationen aus starte? Werden diese dann zu Prüfsteinen für Patterns? Oder werden Sie zu den Ausgangspunkten für die theoriegeleitete Entwicklung neuer pädagogischer Patterns?
Die Prüfsteine könnte ich mir noch vorstellen als zusätzliches Beschreibungselement "Welche verschiedenen Elemente von Lebendigkeit sind im Pattern enthalten? Oder: welche Lebendigkeitsdimensionen werden von diesem Pattern angestossen?
Eine theoriegleitete Entwicklung von Patterns würde für mich das gesamte Gedankengebilde durcheinander bringen, so dass ich es nicht weiter verfolge.
Ich denke, es wäre sinnvoll, die Eigenschaften und (!) Transformationen für den pädagogischen Bereich wirklich einmal vollständig durchzuarbeiten. Da der Ausgangspunkt eLearning war, sollte im zweiten Schritt auch dies als besonderer Anwendungsfall nochmals getan werden. Dies ist mir sehr wichtig, da vielfach im Bereich eLearning das dynamisch zwischenmenschlich interaktive Element im Lernprozess ausgeblendet wird und die Kontextbestimmung und Kontextanpassung anders verläuft als in Präsenzlernsituationen. Aus der Kombination mehrerer Eigenschaften ergeben sich vermutlich spannende didaktische Konzeptionsideen.
Mehrfach wurde in der Diskussion auf die Gestaltpsychologie und die Gestaltpädagogik bezug genommen ohne jedoch konkret zu werden. Die heutige Getaltpädagogik bezieht sich meist nicht systematisch auf die Gestaltpsychologie. Die Felder haben sich auseinander entwickelt. Die Gestaltpädagogik und die Gestalttherapie würde sich einem Musteransatz vermutlich stark widersetzen. Denn gerade hier wird ja auf zwei Faktoren gesetzt 'awareness' und dem Erkennen von Handlungen, Bedeutungen und dem Finden neuer alternativer Bedeutungen, um Veränderung zu ermöglichen. Womöglich verkürze ich das hier aber auch.
Interessanter Weise gibt es in der Pädagogik/Therapie ein Feld, dass sich massiv auf Patterns bezieht. Die Entwicklung des NLP (Neurolinguistische Programmierung) basierte auf einer phänomenologisch linguistischen Analyse erfolgreicher Therapeuten unterschiedlicher Richtungen. Die daraus exzerpierten Konzepte wurden verallgemeinert und zu neuen Handlungsmustern aufgebaut, die sich durchaus erfolgreich einsetzen lassen. Dem NLP ist der Vorwurf des Mechanischen und der Manipulation gemacht worden. Wird er jedoch mit der Entwicklung einer inneren Haltung des Lehrenden (Eigenschaften und Transformationen) verbunden ist er sehr wirksam.
Da ich sehr stark von der pragmatischen Seite komme, hat sich beim Lesen in den letzten Tagen die Unzufriedenheit mit dem Begriff der Muster nochmal sehr verstärkt. Der Musterbegriff verleitet sehr stark zu einem mechanischen Denken und Handeln. Pädagogisches Handeln ist stark (sub-)kulturell und situativ beeinflusst. Situatives flexibles Handeln setzt aber Souveränität, nicht im Sinne von Überlegenheit, sondern im Sinne von Flexibilität und innerer Bereitschaft Fehlerrisiken einzugehen und ohne innerem Gesichstverlust korrigieren zu können. Dazu fällt mir dann der Begriff der Haltung und damit der Beziehungsgestaltung Lehrer-Schülergruppe ein.
Ein Versuch das zu übersetzen führt bei mir zu folgendem ersten Versuch:
1. Eigenschaften und Transformationen = Haltung und mentale Denkmodelle des Lehrenden
2. Situative Problemidentifikation
3. Pattern = Erinnern an Grundsatz zur Problemlösung in ähnlichen Situationen
4. Schemata (Vorlage zur Umsetzung) = grundsätzliche Schrittfolge des Vorgehens
5. Unterrichtsentwurf = Anwendung des Schemas auf den Inhalt/Lernziel und Kontext (Unterrichtsmaterial)
6. Gelebte Umsetzung
Von 1-6 ergibt sich das Alltags-Handlungsmuster des Pädagogen. Bei der Erarbeitung von Pattern aus der gelebten Praxis wird der Rückweg von 6 -> 1 gemacht wobei 3 und2 zusammen gefasst werden.